Roger Cicero: Bürger-King mit Swing - DER SPIEGEL
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Roger Cicero Bürger-King mit Swing

Ein Jazz-Virtuose wird populär und erobert ein ganzes Land: Roger Ciceros Stil ist ein Ausnahmefall, den das deutsche Geschmacksbürgertum schnell zur goldenen Regel erklären könnte. Doch der Sänger hat Besseres verdient.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist schwer über einen Freund zu schreiben. Aber wann, wenn nicht jetzt, muss man über den Jazzsänger Roger Cicero sprechen? Der 36-jährige Wahlhamburger ist auf dem Sprung: zu den nächsten Stationen seiner Tournee, zum Echo, für den er nominiert wurde, nach Helsinki, wo er Deutschland beim Grand Prix vertreten wird.

Die öffentliche Wahrnehmung wird sich auf ein ganz bestimmtes Bild konzentrieren: Cicero mit Blues-Brothers-Hütchen, ein Jazz-Crooner, der nette Texte zum Besten gibt. Daran ist nichts auszusetzen: Die Arrangements seines Swing-Debütalbums "Männersachen" sind exzellent; die Texte, von Annett-Louisan-Autor Frank Ramond geschrieben, amüsant und ironisch.

Die Leichtigkeit und allgemeine Verträglichkeit des Künstlers sollte aber eines nicht vergessen machen: Es ist ein veritabler Jazz-Sänger, der nun auf breiter Ebene akzeptiert wird. Lange bevor sich das Majorlabel Warner entschied, es mit einem deutschen Swing-Projekt zu versuchen, war Cicero in der Jazzszene aktiv. Er gilt als brillanter Techniker, der von der klassischen Moderne bis zum neutönernden Experiment alle Stillagen beherrscht.

Man muss dies erwähnen, nicht nur, um die Authentizität des Auftritts noch einmal zu betonen, sondern um dem Genre insgesamt Genüge zu tun: Auch wenn "Frauen regier'n die Welt" ein süffiger Gassenhauer ist, ist er doch Jazz, für Pop harmonisch unverhältnismäßig anspruchsvoll, eine Ausnahmeerscheinung.

Und dass ausgerechnet dieser Stil sich massenwirksam durchsetzen kann, belegt den deutschen Willen zur Qualität, der nostalgische, utopische und leicht verkrampfte Züge trägt. In der Begeisterung für Roger Cicero verdichten sich auch die Ressentiments der bürgerlichen Klasse gegen die vermeintlichen Untiefen der Popkultur.

Bohlens DSDS-Schmähungen, Raabs Musik-Klamauk, die Rap-Hampelmänner mit ihren Gewaltapologien - von alldem hat man ja schon länger genug. Jetzt lassen sich die Hoffnungen an einen Kulturträger heften, der für Kompetenz steht, ohne abgehoben zu sein. Der seine Rolle ernst nimmt - und doch immer auch durchscheinen lässt, das dies alles eine Performance ist.

Das ist der nostalgische Anteil an der gestrigen Entscheidung. Der utopische speist sich aus der Hoffnung, dass Männer und Frauen tatsächlich mit jenem postmodernen Augenzwinkern miteinander umgehen könnten, das Cicero zum Markenzeichen gemacht hat.

"Frauen regier'n die Welt", singt er, aber auch "Ich verstehe, was du sagst, aber nicht, was du meinst": In Ciceros Welt sind Männer noch Machos, abzüglich der Gewalt und Verachtung, die das Geschlechterverhältnis oft nach wie vor bestimmen. Es gibt einen Ort jenseits der Eva Hermanschen Schlachtfelder und von der Leyenschen Machtkämpfe, wo Mann und Frau ihre traditionellen Rollen - er Verführer, sie Diva - wieder aufnehmen dürfen, ohne dabei ideologisch verbohrt zu sein. Er ist gleichzeitig ein Nichtort, der nur für einen drei Minuten langen Popsong Gestalt annehmen kann.

Man sollte den Künstler nicht für ein Selbstverständnis in Haft nehmen, das reaktionäre Züge trägt. Die "Manufactum"-Generation" (Folker Kramer) kann Cicero als musikalischen Ruccola genießen, als geschmackvollen, politisch korrekten Sound für die eigenen Wohlstandsträume.

Und dabei vielleicht vergessen, dass auch krachlederne Mucke im Monrose-Stil ihre eskapistische Berechtigung hat. Vom Pop einen kulturellen Standort zu erwarten, heißt immer auch, ihn zu missbrauchen: Es gibt hinter der Inszenierung keine Wahrheit, sondern nur die nächste Lüge, auf die man sich freut, besseren Wissens hereinzufallen.

In diesem Sinne sollte man Roger Ciceros Show genießen: als eine Verkleidungsform des Künstlers, eine Garderobe, in die der Könner gerade deshalb schlüpfen kann, weil er Spaß hat an der Vielseitigkeit. Die TÜV-Beamten der Populärkultur können zurückkehren zu Ciceros frühen, extrem kunstsinnigen Alben wie "After Hours" oder "Good Morning Midnight" (mit Pianistin Julia Hülsmann). Oder sein Soultalent erleben mit den Einspielungen des Musikerkollektivs Soulounge.

Alle anderen springen einfach - in ein vielleicht aufregendes neues Kapitel deutscher Jazz- und Popmusik.

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