Sänger Justin Timberlake: Pop-Früchtchen, gereift - DER SPIEGEL
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Sänger Justin Timberlake Pop-Früchtchen, gereift

Ist Justin Timberlake der ewige Boygroup-Hüpfer mit dünner Stimme und fettem Plattendeal? Oder doch der neue King of Pop? Gestern gab der Star ein exklusives Konzert in Köln - und präsentierte sich als bewegter Mann.
Von Uh-Young Kim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Reifung des Justin Timberlake kündigt sich schon draußen vor den Absperrgittern an. Von dort aus blicken seine jüngsten Fans sehnsüchtig in den Eingang des Kölner E-Werks. Für sie ist hier Schluss: "Einlass erst ab 18 Jahren". Was wird einen auf der Clubtour zum im September erscheinenden Album "FutureSex/LoveSounds" wohl an jugendgefährdenden Szenen erwarten?

Die strenge Türpolitik legt nahe, dass der Popstar heute Abend besonderen Wert darauf legt, das alte Image des Teenie-Idols und Nesthäkchens der Neunziger-Boygroup ’N Sync endgültig abzustreifen. Er ist erwachsen geworden. Den Grundstein dafür legte er 2002, als er mit dem Debüt-Album "Justified" seine Solokarriere startete und erfolgreich einer Existenz als Castingband-Zombie entkam. Damals verhalfen ihm die Fürsten des HipHop/R’n’B-Reiches mit schicken Beats zum Titel des "Prince of Pop". 2006 könnte er zum König gekrönt werden.

Justin Timberlake kommt auf die Bühne: weißes Hemd, schwarze Krawatte, eng schmiegen sich silbergraue Weste und Hose an den Knabenkörper an, der keiner mehr sein will. Mit einem Mal wirken die JT-Lookalikes im Publikum in ihren schief sitzenden Hüten wie von Vorgestern, der weibliche Großteil starrt gebannt auf das elegant zugeknöpfte Objekt ihrer Begierde. Eine Hand leger in der Hosentasche, während die andere in homöopathischen Dosen sexuelle Gesten vollzieht, swingt der 25-Jährige Sinatra-ähnlich ins Zentrum der elfköpfigen Band und behauptet mit bübischem Grinsen: "I feel sexy tonight."

Der ist reif, Mann

Mit seinem bis dato größten Hit beginnt das Konzert in einer bezeichnenden Version: der futuristische R’n’B von "Cry Me A River" wird heute Abend als Rockoper aufgeführt. Die rohe Energie von Sly Stones heulenden Gitarren trifft auf den Bombast von The Who. Im Verlauf des Abends kehrt die Beschwörung der vermeintlichen Reife der Rockmusik so oft wieder, bis es auch der letzte Homeboy kapiert hat: Justin ist ein echter Kerl geworden. Stücke schwellen zur Wall of Sound an, gegen die sein Kopfstimmchen kaum anzukommen vermag. Mit einem Zitat aus "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana und einem neuen Song, der nach Coldplay klingt, schreibt er sich modellhaft in Vergangenheit und Gegenwart des Genres ein.

Im Gegensatz zu den großen, musikalischen Gesten des Rock sind Timberlakes Bewegungen auf ein Minimum reduziert und gemessen am Kreischfaktor gerade deswegen umso wirksamer: hier mal ein Hüftschwung à la Michael Jackson, dort ein Robot-Move, und es schallt aus tausend Mädchenkehlen. Aber auch der theatralische Fingerzeig in die Menge fehlt nicht - der körperliche Drill aus Boygroup-Tagen sitzt tief. Dennoch sind die Zeiten vorbei, als seine Shows Aerobic-Übungen glichen. Heute macht er mal eben die Beatbox im Anzug, setzt sich ganz Vollblutentertainer selbst ans Keyboard und greift wie ein Songwriter zur akustischen Gitarre.

So wechseln auch die Stile in dieser Tour um den Planeten Pop von den bekannten R’n’B-Stücken über discohafte Nummern und latineske Breaks bis zu Balladen. In der aufgeräumten Umgebung der langsamen Soulschmachter funktioniert die Illusion des soften Mädchenschwarms mit der Goldstimme immer noch am überzeugendsten. Aber Justin will ja jetzt versaut und dreckig sein. Also strippt er im Laufe der Show ein wenig: erst zieht er die Weste aus, dann reißt er das Hemd aus der Hose, schließlich gönnt er dem Publikum einen Blick auf sein feingeripptes Unterhemd.

Blümchensex statt Darkroom

Zum Schluss kommt tatsächlich etwas wie schweißtreibende Geilheit auf, als Timberlake die neue Single "SexyBack" in entrückter David-Bowie-Pose vorführt. Mit dem Electroclash-Song hat auch sein Haus-und-Hof-Produzent Timbaland zu alter Form gefunden, dessen digital ausgefeilte Beatgebilde sich eigentlich gar nicht für die Live-Umsetzung eignen.

Ansonsten will sich die wilde Sexualität nicht so recht einstellen – Blümchensex statt Dark Room. Da hätte man auch die Minderjährigen ohne Bedenken reinlassen können. Zur nächsten Clubtour werden sie wohl alt genug sein. Denn Timberlakes musikalische Entwicklung fällt seit jeher mit dem Älterwerden seines Publikums und den Konjunkturzyklen der Popmusik zusammen. Anfangs noch ein Teenie für Teenies etablierte er sich als universeller Popstar just zu dem Zeitpunkt, als R’n’B/HipHop zum erfolgreichsten globalen Sound wurde und in ihm seinen weißen Mainstreamvertreter fand.

Ebensowenig konnte das jüngste Rockrevival an den Hipness-Sensoren des Pop-Chamäleons vorüber gehen. Im alten Rockgeschäft schwimmen zudem dauerhaft die ganz dicken Fische, vor denen er nicht so tun muss, als komme er von der Straße. Wenn Justin Timberlake so weiter macht, wird er mit spätestens Anfang Dreißig als vom Leben gezeichneter Countrybarde auf der Bühne stehen – was durchaus seinen Reiz hätte.

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