Sängerin Sophie Auster Wird gemacht, Paps!
Das erste, was auffällt, wenn man mit Sophie Auster auf dem Sofa ihres nicht gerade noblen Hotelzimmers sitzt, ist das ungemachte Bett. Es ist nicht starmäßig zerwühlt wie nach einer aufregenden Nacht, sondern eher kindlich zerknautscht, so dass man sich nicht wundern würde, wenn die Pfote eines Teddybären aus den Laken hervorlugte. Sophie Auster nippt an einer Flasche Cola Light und hinterlässt rote Lippenstiftspuren auf dem Strohhalm. Sie hat eine viel zu dicke Schicht Make-up aufgetragen und trägt hochhackige Schuhe zu knallengen Jeans.
Wie Millionen andere Teenager liebt Sophie Auster Gedichte. Ganz besonders solche, die von Liebe und Tod handeln. Früher, erzählt sie, habe sie Gedichte förmlich verschlungen und pausenlos eigene Verse in ihr Tagebuch geschrieben. "Gezeigt habe ich die aber niemandem", sagt Sophie Auster, mittlerweile 19 Jahre alt, und inhaliert routiniert den Rauch ihrer Marlboro Light, "nur die Guten, die habe ich später meinem Vater zum Lesen gegeben."
Wie es dazu kam, dass sie diese Jugendwerke nun mit klarer, ausdrucksstarker Stimme singt phantasievoll instrumentiert im Stil französischer Chansons und dabei so unverschämt schön und verrucht aussieht, dass männliche Journalisten bei ihrem Anblick regelmäßig ins Schwitzen kommen, das ist eine Geschichte, die belegt, dass Sophie Auster vielleicht doch ein klein wenig anders ist als andere Mädchen ihres Alters.
Tatsächlich verfliegt der Eindruck des unsicheren Teenagers sofort, als Sophie beginnt, sehr überlegt und sehr konzentriert auf die immergleichen Fragen der Journalisten zu antworten, die nacheinander vorgelassen werden. Sie wirkt, als habe sie nie etwas anderes gemacht, als ihr erstes Popalbum, das schlicht ihren Namen trägt, im Ausland vorzustellen: Nein, sie wollte nie Schriftstellerin werden wie ihr weltberühmter Vater Paul Auster oder wie ihre etwas weniger berühmte, aber dennoch hoch gelobte Mutter Siri Hustvedt. Ja, manchmal sei es schwierig, so bekannte Eltern zu haben. Ja, sie habe oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Nein, das mache ihr nichts aus, denn sie habe dadurch ja auch viele Vorteile.
Vom Geliebten verschluckt
Ihre Texte wirken definitiv zu düster und alptraumhaft für ihr Alter. Eines handelt zum Beispiel von dem Wunsch, vom Geliebten verschluckt zu werden, um bis zum Tod ganz nah bei ihm zu sein. In einem anderen findet ihr lyrisches Ich ein schreiendes Baby und liegt kurz darauf selber erstickend am Boden. Starker Tobak für einen Teenie. Und nicht gerade das, was ein Vater von seiner Tochter gerne liest. Doch Paul Auster gefiel es. Er fühlte sich an seine eigene Jugend erinnert und kramte aus einer Schublade Gedichte französischer Surrealisten wie Tristan Tzara, Paul Eluard und Philippe Soupault hervor, die er als junger Mann im selben Alter wie seine Tochter heute ins Englische übertragen hatte. Dazu kamen drei Werke aus seiner eigenen Feder, und fertig war das Programm für ein eingängiges, aber deshalb nicht weniger anspruchsvolles Debüt-Album.
Dabei war das Einspielen der Stücke zunächst als privater Spaß gedacht. Bis ihr Vater dem New Yorker Ethnopop-Duo One Ring Zero vorschlug, Sophie für ein Song-Projekt als Sängerin zu engagieren, zu dem er und mehrere andere amerikanische Schriftsteller Texte beigesteuert hatten. "Die waren zuerst skeptisch", erzählt Sophie Auster und verdreht die Augen, "aber ich hatte nichts zu verlieren und habe denen vorgesungen." Der Song ist dann zwar nicht auf der CD erschienen, doch die beiden Musiker Michael Hearst und Joshua Camp waren von ihrer Stimme so begeistert, dass sie vorschlugen, ein eigenes Album aufzunehmen.
Darauf experimentieren sie mit Akkordeon, Wurlitzer, Glockenspiel, Mandoline und einer Äthergeige. Dieses Instrument verändert die Tonhöhe in einer Bandbreite von bis zu neun Oktaven, je nachdem, wie nah oder weit man seine Hände an zwei Antennen hält. Dieser kuriose Sound verbindet sich mit den schrägen Gedicht-Texten zu einer unangepassten, aber dennoch süffigen Mixtur. Und über allem schwebt Sophie Austers Stimme, die sich so viel älter und erfahrener anhört, als sie in Wirklichkeit ist.
Kein auf Erfolg getrimmtes Prominentenkind
Alles, was Sophie Auster in ihrem Leben bisher angepackt hat, tut sie mit der Selbstverständlichkeit eines privilegierten Mädchens, das Zeit ihres Lebens Unterstützung und Motivation erfahren hat. Auf die Frage, warum sie nicht alle Songs auf ihrem Album selbst geschrieben habe, antwortet sie entschuldigend, sie habe dazu keine Zeit gehabt habe. Auf die Idee, dass es keine Schande wäre, sich in ihrem Alter so etwas nicht zuzutrauen, kommt sie erst gar nicht.
Wirkte sie nicht so sympathisch und selbstbestimmt, ihr Leben schiene das eines auf Erfolg getrimmten Prominentenkindes. Gesangsunterricht nimmt sie, seit sie acht Jahre alt ist, Schauspielunterricht folgte mit zwölf. Seitdem ist sie ein weiteres talentiertes Glied im Austerschen Familienunternehmen: Sie hatte eine kleine Rolle in Paul Austers Film "Lulu On The Bridge", eine größere in seinem neuen Film "The Inner Life Of Martin Frost", und in diesem Herbst wird sie mit Raoul Ruiz ("Klimt") in Paris drehen - zum ersten Mal ohne den Vater. Dazu kommt ein Literaturstudium, das sie wegen anderer Projekte ständig unterbrechen muss, und - natürlich - die Arbeit an ihrem zweiten Album, für das sie diesmal wirklich alle Songs alleine schreiben will.
Ohne den Einfluss des berühmten Papas wäre ihr Einstieg ins Musikgeschäft wohl nicht so reibungslos verlaufen. Das weiß auch Sophie Auster und strengt sich doppelt an. Gegen die Eltern zu rebellieren, liegt ihr fern. Dazu ist sie viel zu gelassen: "Sie haben am Ende doch meistens Recht." Bei ihr zu Hause in Brooklyn gebe es zwar ein paar mehr Bücher und Möglichkeiten als anderswo, räumt sie ein. Aber: "Am Ende sind es doch nur meine Eltern, die meistens ganz normale Sachen sagen wie 'Räum' dein Zimmer auf!'" So wie bei Millionen Teenagern zu Hause auch.
Sophie Auster: "Sophie Auster" ist bei Naive/Indigo erschienen