Schubert-Interpretationen: Brendel zum Zuschnappen - DER SPIEGEL
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Schubert-Interpretationen Brendel zum Zuschnappen

Als Dichter ein Humorist, als Pianist von großer Ernsthaftigkeit: Zum Konzertabschied von Alfred Brendel kommt die Essenz seines Lebenswerks zum Ramschpreis auf den Markt – seine legendären Schubert-Aufnahmen.
Von Kai Luehrs-Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die Lachkonserve/ ich gestehe es frei/ ist einzig und allein/ meine Erfindung// Wo auch immer/ ein unsichtbares Publikum/ in Gelächter ausbricht/ rollen die Pfennige". So beginnt eines von Alfred Brendels Gedichten. Schon seit 1966 veröffentlichte der große Pianist immer wieder eigene Texte, seit Jahren auch Geschichten und Gedichte (gesammelt in: "Spiegelbild und schwarzer Spuk", Hanser Verlag).

Man fragt sich, weshalb Brendels Komik, der beißend sonderlingshafte Humor, so wenig auf seine Klavierkunst abgefärbt haben. Warum war Brendel als Pianist ein so großer Grübler? Anders gesagt: Wäre doch am Klavierschemel nur mal der Witz mit ihm durchgegangen! Darf das nicht sein? Eine deprimierende Aussicht, die jedem großen – und damit unregulierbaren – Künstlertum eigentlich widerspricht.

Für den 18. Dezember dieses Jahres hat Alfred Brendel angekündigt, seine Konzert- und Schallplattenkarriere ein für alle Mal zu beenden (mit einem Konzert in Wien). Seit Jahren war sein (ursprünglich großes) Repertoire immer rigider auf die Hausgötter Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert zusammengeschrumpft. In seiner 60-jährigen Karriere hat sich Brendel dennoch unaufhaltsam in den Rang eines Klassikers vorgespielt – und dabei als einziger die große Traditionslinie deutschsprachiger Pianisten wie Edwin Fischer und Wilhelm Backhaus fortgesetzt.

Jetzt, zur Klavierpensionierung des 77-Jährigen, erscheint bei Philips eine Box mit der Summe seiner Schubert-Erkundungen. Genau genommen: eine Zwischensumme, denn Brendel ließ den Aufnahmen aus den Jahren von 1971 bis 1997 später mehrfach noch Einzeleinspielungen folgen, in denen er radikaler tiefgründelte, liedhaft philosophierte und Schubert am Schopf zu packen trachtete.

Die vorliegende Sammlung stammt zum Teil aus Zeiten, als Brendel noch im Dinner-Jacket ans Klavier eilte und beim Spielen zum Tastenerweichen zu grimassieren begann. Man dachte dann: Warum grübelt der Mann so angestrengt – während sein Spiel munter und in typischem Tonfall geradeaus musiziert.

Brendels skurrile Angewohnheiten verschärften sich im Lauf der Jahre. Mit Interviews war Brendel immer schwierig. Er lässt sich die Fragen vorher faxen, erscheint dann mit schriftlich fixierten Antworten vor Ort. Die diktiert er dem verblüfften Interviewer ins Mikrofon, auf dass dieser sie zu Hause rückverschriftlichen darf. Das sind Bräuche, die eines intelligenten, philosophisch kundigen Mannes eigentlich unwürdig sind.

Brendel war immer ein Mann der sozusagen indirekten Unmittelbarkeit. Auch in der Schubert-Box drückt er Gefühle auf dem Gedankenwege aus. Gerade in den verschlungenen Endlos-Sonaten (D 845, 850, 894, 959, 960), die fast so lange wie Schulstunden dauern, wächst sich die Ernsthaftigkeit dabei zur Fabulierkunst aus. Hier bleibt ein scheinbar Humorloser so wundervoll konzentriert bei der Sache, dass man die Ohren aufsperrt und nicht mehr weghören kann. Ein bisschen hat das was von den Erzählungen jenes alten Operettenadmirals, der behauptet, man hätte die Schlacht gewonnen, wenn nur alle auf ihn gehört hätten. Nur welche Schlacht er denn eigentlich meint, daran kann sich der alte Herr nicht mehr erinnern.

Bei allem Ernst schlägt Brendels Kunst dann – etwa in der meisterhaft auserzählten D-Dur-Sonate D 850 – in Leichtigkeit und Witz um. Gerade in seinem notorischen Ernstnehmertum – und darin, den Humor auf den Feierabend zu verschieben – ist Brendel vermutlich echt einer von uns.

Die konkurrenzlos preiswerte Schubert-Box, in der (statt einiger früher Sonaten) auch die Wanderer-Phantasie, Moments Musicaux, Deutsche Tänze und die Impromptus enthalten sind, empfiehlt Brendel erstmals als Klassiker für den deutschen Schnäppchenjäger. Demnächst folgen die frühen Vox-, Turnabout- und Vanguard-Aufnahmen Brendels (aus den Jahren von 1955 bis 1975, 35 CDs beim Label Brilliant). Da schnappen wir mit.

Brendel ist sicherlich der beste lebende Schubert-Spieler. Wenn er in einigen Fällen an Vorgänger wie Svjatoslaw Richter oder Artur Schnabel nicht ganz heranreicht, so mag man sich mit der witzigen Erkenntnis trösten, die von Alfred Brendel überliefert ist: "Man muss viele Platten gemacht haben, um einige sehr gute zu machen." Hier sind sie.


CD "Alfred Brendel spielt Schubert" (Klaviersonaten, Wanderer-Phantasie, Impromptus u.a.) ( 7 CDs, Philips "eloquence" 480 1218).