Simple-Minds-Box: Mit der Bombe in die Stadien
Simple-Minds-Box Mit der Bombe in die Stadien
Vielen Musikern, die nach mehr oder weniger langen Durststrecken erfolgreich wurden, wird später nachgesagt, dass sie eigentlich nur zu Beginn ihrer Karriere wirklich interessant waren. Denn angeblich frisst Erfolg die Kreativität und den Wagemut, was selbstverständlich ein läppisches Kritikerklischee ist. Nur was die Simple Minds angeht, stimmt es leider. Das bestätigt sogar der Band-Chef und Sänger Jim Kerr selbst, der verstehen kann, wenn manche Fans nur die frühen Simple-Minds-Platten mögen: "Wir waren damals eine andere Band."
Jahrelang rackerten sich die Schotten aus Glasgow erfolglos ab, die einst als Punkband Johnny and the Selfabusers begannen und Ende der Siebziger als Simple Minds auf New Wave umsattelten. Fünf feine Alben lang kombinierten sie Elektronik, Kraut- und Kunstrock mit oft raffinierten Melodien und unterkühltem Sound. Nur der Erfolg war mittelprächtig. Und weil man sich von Coolness nichts kaufen kann, saß ihnen Anfang der achtziger Jahre ihre Plattenfirma im Nacken: "Wir begriffen zu spät, dass Abba mehr Platten als Lou Reed verkaufen", sagt Jim Kerr.
Statt mit New Wave punkteten Simple Minds nun mit Schmachtrock-Heulern
Damals, als der Band das Wasser mal wieder bis zum Hals stand, wurde ihnen der Song "Don't You (Forget About Me)" offeriert. Ein hymnischer Middle-of-the-Road-Popsong, den Kerr und seine Jungs schon deshalb ablehnten, weil sie ihn nicht geschrieben hatten: "Außerdem mochten wir das Lied auch nicht besonders. Wir fanden auch den Hollywood-Film 'The Breakfast Club' schrecklich, in dem es dann später eingesetzt wurde", sagt Kerr. Aber schließlich gab die Band, die kurz vor dem Rauswurf bei ihrem Label stand, dem Druck nach. Auch um zu sehen, ob so ein Zugeständnis überhaupt funktionieren würde.
Und sie waren erstaunt, als "Don't You (Forget About Me)" tatsächlich "wie eine Bombe" (Kerr) einschlug. Bei MTV lief es in Dauerrotation, dann kam LiveAid und - schwupps - verwandelten sich die Simple Minds durch diesen einen Song in eine Stadionrock-Band: "Wir mussten lernen, uns in dieser Welt zurechtzufinden, aber es machte Spaß!", sagt Kerr. Ihre Musik änderte sich danach drastisch. Statt mit New Wave punkteten Simple Minds nun mit Schmachtrock-Heulern wie "Mandela Day".
An ihre frühen Songs erinnerten sie sich zuletzt immer wieder, weil diese gerne gesampelt wurden. So wie die Instrumentalnummer "Theme for Great Cities", die zum Rave-Klassiker aufstieg. "Wir haben die unendlich oft lizenziert, und ich muss gestehen, dass mir viele der Bearbeitungen rätselhaft waren", sagt Kerr.
Nach all den Jahren gelten mittlerweile auch die ersten fünf Simple-Minds-New-Wave-Alben, darunter "Empires and Dance", "Real to Real Cacophony" oder "New Gold Dream", als unterschätzte Geheimtipps. Nun sind diese durchweg exzellenten und wiederentdeckenswerten Frühwerke in der kleinen Box "Simple Minds X5" erweitert und restauriert neu aufgelegt worden. Zur Feier dieser Vergangenheitsbewältigung führen die Simple Minds auf ihrer aktuellen Tour nur Songs dieser Alben auf. Selbstverständlich nicht in Stadien, sondern in Clubs wie vor 30 Jahren.