Sopranistin Simone Kermes: Empfindsamer Vulkan - DER SPIEGEL
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Sopranistin Simone Kermes: Empfindsamer Vulkan

Sopranistin Simone Kermes Empfindsamer Vulkan

Simone Kermes ist die beeindruckendste Barock-Sängerin der Gegenwart. Und die vorlauteste: Ihre Kolleginnen findet sie "langweilig". Sie selber setzt auf ein drastisches Stilprinzip: "Man muss es mit Saft singen!"
Von Kai Luehrs-Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor der "Crazy Queen of Baroque", wie man die Sopranistin Simone Kermes nennt, haben einige sogar Angst. "Weil ich sehr direkt bin", erklärt die Sängerin leicht sächselnd im Gespräch. "Ich habe keine Lust auf Openairs und solche Sachen."

Deswegen habe sie es auch nicht ganz den Star-Level erreicht, auf dem andere Klassik-Diven sich sonnen. "Ich muss noch in den Spiegel gucken können." Wenn sie auftrete, sei es trotzdem immer das Gleiche. "Die Leute brüllen, was soll ich machen?" So fällt die Antwort auf die Frage, warum sie die "Crazy Queen der Barockoper" genannt werde, entsprechend deutlich aus: "Ja, weil ich's halt nicht so langweilig mache wie die anderen!"

Kermes, geboren in Leipzig, wurde als Schützling von Donna Leon bekannt. Sie hat bei einigen, von der Krimiautorin gesponserten Händel-Aufnahmen mitgewirkt. Das Verhältnis zerbrach. "Natürlich war sie sehr verletzt!", ist der einzige Kommentar, der der sonst redseligen Sopranistin zu entlocken ist.

Derzeit feuert keine andere Sängerin die Koloraturen von Händel, Pergolesi oder Hasse so brillant heraus wie die durch Verdi, Mozart und Johann Strauß gestählte Sopranistin. Ihr leichtgängiger, durchdringender Sopran besitzt mehr Temperament und Tiefe, hat mehr dramatische Fallhöhe als sämtliche vom Schöngesang herkommenden Sängerinnen der marktbeherrschenden britischen Tradition. "Wenn man's mit Saft singt, so wie es gehört, stehen denen die Haare zu Berge", so Kermes. "Mir egal!"

Stimmbänder im Wagner-TÜV

Aufgewachsen in der DDR, kannte Kermes ihre klassischen Vorbilder nur von Schallplatten (etwa Lucia Popp und Arleen Auger). Schwärmerisch wird sie bis heute erst bei Freddie Mercury oder Rammstein. Ein Hals-Spezialist eröffnete ihr, ihre Stimmbänder glichen denen der Wagner-Heroine Birgit Nilsson. Und wirklich: der Ausdrucksgesang von Simone Kermes gleicht einer Hochdramatischen mit Seele. Einem empfindsamen Vulkan.

Konsequent setzt Kermes dabei nicht auf Gesang allein. Sie will auch modisch beeindrucken. "Unsere Zeit ist nicht mehr geeignet für Hausfrauenlappen von der Stange", sagt sie. "Ich entwerfe meine Outfits selber." Auch hat sie von Cecilia Bartoli deren künstlerischen Ratgeber Claudio Osele geerbt (er stellte für Bartoli deren legendäre Vivaldi- und Gluck-Alben zusammen). Bei Kermes neuem Album dirigiert Osele sogar.

Auf "Lava" stößt die Künstlerin mit unbekannten Arien von Porpora, Leo, Vinci, Pergolesi und Hasse in vergessene Regionen der neapolitanischen Barock-Oper vor. Es ist ihr bislang bestes, verrücktestes und typischstes Album zugleich: seelenvoll exzentrisch bis zum Übermaß.


CD "Lava". Simone Kermes, Sopran; Le Musiche Nove, Ltg. Claudio Osele (deutsche Harmonia Mundi/Sony Music)