Sting in Berlin: Message in a Laute - DER SPIEGEL
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Sting in Berlin Message in a Laute

Was sind schon 400 Jahre, wenn es um Gefühle geht? Der Popmusiker Sting hat in dem elisabethanischen Barden John Dowland einen Seelenverwandten entdeckt. Gestern Abend präsentierte er einem gerührten Berliner Szenepublikum seine Interpretationen des altertümlichen Gesangs.
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Es war ja alles nur Zufall. Jener Abend Anfang der Achtziger, als der Frontmann der Band Police mal für Amnesty International in London solo mit Gitarre auf der Bühne stand. Der Vortrag des Barden nötigte den Schauspieler John Bird hinter die Bühne. Artig wurden Komplimente ausgetauscht, dann aber wurde Sting gefragt, ob er die Musik John Dowlands kenne, an die sich Bird erinnert fühlte. Aber viel mehr als den Namen hatte Sting nicht parat. Auf verschlungenen Wegen trat seitdem die Musik John Dowlands in unregelmäßigen Abständen in das Leben von Sting.

Und weil Sting Zeichen gerne deutet, war es fast zwangsläufig, dass Dowland (1563 - 1626) als Untoter irgendwann auch in das Werk des sehr lebendigen Pop-Musikers einfloss. Nach einer Kette von Zufällen stand nun am gestern Abend im Berliner Szenekiez Friedrichshain unangemeldet jener Sting auf der Bühne des kleinen Clubs "Maria am Ostbahnhof", um der Welt zu zeigen: Es gibt keinen Zufall.

"Wir sind hier, um John Dowland zu ehren", verkündete er eine Spur zu feierlich. Aber was folgte, war tatsächlich eine Messe. Nur auf der Laute begleitet von dem Bosnier Edin Karamazov entführte der Brite die ebenso verdutzten wie berührten Hörer auf eine Zeitreise, in eine Zeitschleife, die aus dem elisabethanischen Zeitalter Dowlands vor 400 Jahren direkt ins 21. Jahrhundert reichte.

Gleich zum Auftakt gab es das mit heiterer Hoffnungslosigkeit getränkte "Flow My Tears", in dem das Spektrum Dowlands deutlich wurde. "Viele sehen in ihm nur den gramgebeugten Melancholiker", sagt Sting. Aber er besitzt viel mehr: "Durchtriebenen Humor, Leichtigkeit und Pop-Appeal." Stings Idee von Dowland reicht über die reine Adaption von Renaissance-Liedern hinaus, in einer Art szenischer Lesung träufelte er immer wieder Auszüge aus Briefen des Sänger-Kollegen ein, der so gern Hofsänger bei seiner Königin Elisabeth I. geworden wäre, aber als Katholik dann doch durch Europa tingeln musste - sozusagen als erster britischer Popstar. Sting, in seinen Songs selbst bestens ausgestattet mit allen Teufeln und Engeln des Katholizismus, spricht es nie aus, aber zeigt es doch in jeder Note, wie gut er nachfühlen kann, was den Kollegen Dowland (um)trieb.

Schon Anfang der Neunziger ließ sich Sting für das Album "Ten Summoner's Tales" als reitender Barde proträtieren, der umherzieht und den Menschen Geschichten erzählt. Es sind die immer gleichen Geschichten vom Leben und der Liebe; Metaphern und Mythen bewohnen die Miniaturen des Briten, der musikalisch schon lange nicht mehr so überraschte, allenfalls seine Themen in immer neuen Gewändern präsentierte. Er hat sich überall bedient, sich nie um musikalische Abgrenzungen gekümmert, aber so sehr bei sich wie jetzt mit seinem neuen Album klang er noch nie. In Dowland, das wurde eindrucksvoll klar, sieht er mehr als nur einen Kollegen. Er sieht den Bruder im Geiste, den Erstgeborenen.

Um Dowland neues Leben zu schenken, hat Sting sich klein gemacht, ist nochmal Schüler geworden. In Basel auf der Schola Cantorum hat er sich auf dem zweiten Bildungsweg mit 54 Jahren die 400 Jahre alten Gesangstechnik beibringen lassen, bei Karamazow ging er in die Lauten-Schule und übt auch live tapfer weiter. Als ihm der Lautenist beim Gig in Berlin einfach davonspielte, setzte Sting neidlos seine Laute ab und lauschte dem Kollegen ergeben. "Songs from the Labyrinth" nennen die beiden ihr Spiel in der Studiofassung. Ein Labyrinth, das eingeschnitzt ist in die Laute von Sting, die ihm sein Gitarrist Dominic Miller vor einigen Jahren mal geschenkt hatte. Einer dieser Zufälle, die Sting so gut gefallen, dass er sich das Labyrinth im heimischen Schlossgarten hat nachbauen lassen. Das nötige Kleingeld für solche Details besitzt er ja.

Stings Dowland taugt nicht für Stadionkonzerte, aber wenn selbst das sonst an Coolness erstickende Berliner Hip-Publikum nach einem Lied wie "Come, Heavy Sleep" minutenlang in Schweigen verfällt, wird etwas deutlich von der Kraft dieser Musik. In Titeln wie "Come Again" steckt sogar Hit-Potential für die Charts der Neuzeit.

"Du solltest diese Lieder singen. Du wirst etwas lernen", hatte Karamazow Sting über Dowland erzählt. Wenn Sting nun in Berlin als Zugabe seinen Uralt-Hit "Message In A Bottle" auf der Laute begleitet spielt, wähnt man sich kurz 400 Jahre zurück auf einem Marktplatz, wo kleine Kinder auf Strohballen hüpfen und sich ein Sänger zwischen dem Markttreiben unter die Menschen mischt und sie zum Lachen und Weinen bringt. Lieder, so schön wie Babyhaut: "Oh so white, so soft, so sweet, is she". Lieder, die sogar in Kreißsälen beruhigende Wirkung haben können.

Das Suchen und Lernen, Versuch und Irrtum, Erkenntnis durch Leiden ist ein (sehr katholisches) Leitmotiv in Stings Werk. Die schmerzlichen Selbstgespräche John Dowlands wie "In Darkness Let Me Dwell" sind deshalb die gelungensten Interpretationen, die live noch stärker unter die Haut kriechen: "Oh let me living die". Menschen sterben, aber das Leben stirbt nicht. Was sind schon 400 Jahre? Geburt und Tod sind gute Verwandte, so wie Sting und Dowland nur kreuzende Wege im Labyrinth des Lebens. Reine Zufälle.

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