Shooting-Star Stromae "Flirten ist scheiße"
SPIEGEL ONLINE: Monsieur van Haver, die französischen Medien feiern Sie als den neuen Jacques Brel. Stolz?
Stromae: Das ist ein schönes Kompliment, aber etwas respektlos.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Stromae: Man vergleicht nicht zwei Alben mit einer ganzen Karriere und schon gar nicht mit seiner.
SPIEGEL ONLINE: Ist Brel denn nicht Ihr Vorbild?
Stromae: Seine ganze Generation - von Charles Aznavour bis Edith Piaf - inspiriert mich. Weil es ihnen nicht um ihre eigene Person ging. Brel hat auf der Bühne über bestimmte Typen gesungen. Er war ein Beobachter der Gesellschaft. Das war es, was die Leute sehen und hören wollten.
SPIEGEL ONLINE: Geht es in Ihrer Musik etwa nicht um Sie?
Stromae: Nein. Sie handelt von Figuren, deren Geschichten ich erzähle. Es sind ihre, nicht meine.
SPIEGEL ONLINE: Gut, aber ein wenig Paul van Haver steckt doch trotzdem in Stromae?
Stromae: 10 oder 20 Prozent. Ich lege meine Sicht der Dinge hinein.
Pop-Poet Stromae: Harte Beats zu traurigen Texten
SPIEGEL ONLINE: Machen Sie nicht noch mehr? Im Musikvideo zu Ihrem Hit "Formidable" torkeln Sie wie ein betrunkener Obdachloser durch Brüssel.
Stromae: Der Typ hätte auch Rassist oder irgendwas anderes sein können. Aber in erster Linie ist er traurig und einsam. Dieses Stück war deshalb so erfolgreich, weil wir uns in dieser Figur wiedererkennen.
SPIEGEL ONLINE: In einem betrunkenen Obdachlosen?
Stromae: Er ist eine Karikatur. Aber wir kennen alle diese Momente, in denen wir uns verlassen fühlen. Einsamkeit ist die größte Krankheit unserer Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Sie singen auf Ihrem Album noch von einer anderen Krankheit. In "Quand c'est?" erzählen Sie vom Krebs: "Du wolltest dich sogar an meiner Mutter vergreifen, hast bei ihren Brüsten angefangen und mit der Lunge meines Vaters weitergemacht." Das ist doch persönlich.
Stromae: Nein. Die Idee ist mir einfach in einer Raucherkabine am Flughafen gekommen. Das sind die schrecklichsten Orte der Welt. Wir sind die einzigen Lebewesen, die sich dorthin trauen, ich zähle dazu. Kein Tier wäre so dumm.
SPIEGEL ONLINE: Machen Ihnen Raucherkabinen Angst?
Stromae: Der Krebs macht mir Angst. Der ist ja nicht nett, wenn er kommt. Er sagt nicht: "Entschuldigung, aber Sie müssen leider dahinscheiden." Nein, dem Krebs ist es scheißegal, was du denkst. Das ist doch eine schreckliche Vorstellung.
Stromae, bürgerlich Paul van Haver, wurde 1985 in Brüssel geboren. Seine Mutter ist Belgierin, sein Vater stammt aus Ruanda und wurde 1994 Opfer des Genozids. Stromaes Musik ist eine Mischung aus HipHop, Elektro, Pop und Chanson. Sein Künstlername bedeutet "Maestro" in verdrehten Silben. Bekannt wurde er mit seiner ersten Single "Alors on danse" ("Lass uns tanzen"), die in 15 Ländern Europas auf Platz eins landete und sich mehr als 500.000 Mal verkaufte. Es folgten die Charthits "Formidable" ("Großartig") und "Papaoutai" ("Papa, wo bist du?"), beide aus seinem zweiten Album "Racine carée" ("Quadratwurzel"), das 2013 erschien.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind Sie vor allem mit zwei Clubhits bekannt geworden: "Alors on danse", ein Kommentar zur Euro-Krise, und "Papaoutai", die Geschichte einer Kindheit ohne Vater. Ihre Lieder begreifen aber nur wenige. Die Leute zappeln einfach dazu. Fühlen Sie sich unverstanden?
Stromae: Ich bin absolut sicher, dass wir uns verstehen - auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Ich mache nicht in erster Linie Texte, sondern Musik. Das ist meine Sprache. Wenn du Lust hast, nur mit dem Kopf dazu zu wackeln, super. Wenn du noch mehr darin entdeckst, umso besser. Ich höre Lieder von Notorious B.I.G., die ich nicht verstehe, Lieder von Rick Ross oder Michael Jackson. Aber ich liebe sie.
SPIEGEL ONLINE: Warum singen Sie nicht einfach auf Englisch?
Stromae: Wer sagt, dass Englisch besser sei als Französisch? Wir sind nicht bei der Luftfahrt, wir sind keine Techniker, es geht um Kultur. Die Leute haben doch keine Lust, einen Belgier zu hören, der sich für einen Amerikaner hält. Also hört auf, uns zu sagen, nur Englisch sei Weltsprache. Das ist nicht wahr.
SPIEGEL ONLINE: Sind Clubbeats derzeit nicht die Weltsprache der Popmusik, so leicht konsumierbar, wie sie sind?
Stromae: Nur, weil ich so schreibe wie ein Chansonnier, heißt das nicht, dass ich auch Chansons machen muss. Elektromusik kann sehr kalt wirken, sie ist aber auch poetisch und hat ihre eigene Wärme.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass Sie nicht gern Zugaben geben. Warum?
Stromae: Das ist so, wie mit einem Mädchen zu flirten. Man weiß, dass es scheiße ist, und macht es trotzdem.
SPIEGEL ONLINE: Flirten ist scheiße?
Stromae: Ich bin total schlecht darin. Ich mag dieses Spiel nicht, dieses "Achtung, gleich bin ich weg. Nein, bitte bleib." Das ist bei den Zugaben genauso. Man weiß nicht, ob es das Publikum wirklich will, und ich weiß es auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, komponieren, führen Regie und kümmern sich ums Marketing. Sind Sie ein Kontrollfreak?
Stromae: Ja, das ist meine größte Schwäche. Ich habe da irgendwas in mir, das sehr streng ist, alles muss kalkuliert sein.
SPIEGEL ONLINE: Weil Sie Angst haben zu scheitern?
Stromae: Vielleicht. Ich weiß, dass nur wenig vom Zufall abhängt. Man muss viel arbeiten. Aber auch nicht zu viel, dann wird es Mist.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind 28 Jahre alt und erst vor kurzem von zu Hause ausgezogen. Warum?
Stromae: Ich bin ein Nesthocker.
SPIEGEL ONLINE: Ach ja?
Stromae: Es hat mich nicht gestört, bei meiner Mama zu bleiben. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: Du musst mal erwachsen werden und allein klarkommen.
Tourdaten für Deutschland: 3. Februar Köln, 4. Februar München, 17. Februar 2014 Hamburg, 18. Februar Berlin, 14. Mai Karlsruhe, 15. Mai Freiburg, 16. Mai Münster, 19. Mai Nürnberg, 20. Mai Dresden, 21. Mai Hannover