Swing-Gala auf ProSieben Las Vegas liegt in Hessen
Abendgarderobe vorgeschrieben! Für ein deutsches Pop-Ereignis ein fast schon revolutionäres Ansinnen. Doch in Zeiten der Wiederentdeckung von guten Manieren und alten Werten darf schon mal ein Ruck auch über Rock-Bühnen gehen. Pardon, Swing: "Alive and swinging" (Ausstrhalung morgen, 20.15 Uhr, ProSieben) hieß das Motto, unter dem die deutschen Popstars Sasha und Xavier Naidoo sowie der Ire Rae (von der Band Reamonn) zum Las-Vegas-inspirierten Charity-Konzert in die Frankfurter Jahrhunderthalle luden.
Wie weiland Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin wollten die drei als "Rat Pack" zeigen, dass sie swingen können. Das Original-Rattenpack hatte seinerzeit den Comedian Joey Bishop dabei. Bei der hessischen Version übernahm Michael Mittermeier diese Rolle - und rettete hier und da schon mal über manche spröde Stelle hinweg.
Naidoo mit Strohhut und Gondel
Große Gala versprach zunächst die Bühne: Glitzerndes Glühbirnen-Showlicht umrahmte die unvermeidliche Treppe, auf der Akteure und Ballett an die Rampe perlten, angefeuert von der Big Band des Hessischen Rundfunks, die souverän und routiniert einen jazzigen Teppich ausrollte. Gut so, denn mit der Lässigkeit haperte es noch bei den Sinatra-Epigonen. "I Could Have Danced All Night" aus "My Fair Lady" war der Startschuss in den Abend, und tatsächlich, getanzt haben sie alle. Sogar Xavier Naidoo, auch wenn die vorab in einem Hamburger Tanzstudio absolvierten Step-Kurse den ernsthaften Soulsänger ganz offensichtlich an den Rand seiner körperlichen Eleganz gebracht hatten.
Immerhin traute sich Naidoo am meisten: Seine venezianisch dekorierte Version von Dean Martins "Volare" (mit Strohhut und Gondel) zeugte von Selbstironie. Auch stimmlich langte der Mannheimer voll zu, erklomm tatsächlich die Höhen von "The Impossible Dream", auch wenn dort die Luft für seine Stimmbänder schon ein wenig dünn wurde. Aber was soll's: Auch die originalen "Rat-Pack"-Jungs packten nicht immer jeden Ton, und Dean Martins Lässigkeit ist ebenso legendär wie sein alkoholisiertes Lächeln. A propos Alkohol: Rechts am Rand der Bühne war eine stilechte Bar installiert, hinter der (un-)sinnigerweise Thomas D. von den "Fantastischen Vier" die Cocktails mixte.
Rea im falschen Film
Der irische Popmusiker Rea ("Supergirl") wirkte leicht fremd in dieser Umgebung. Blond, bärtig und kuschelbärig schien er irgendwie im falschen Film gelandet zu sein. Stimmlich eher erdnah und bluesig verbrummelt, brachte er jenen "Gala-Touch" auf die Bühne, der eher an den Jahresball der Internisten erinnert. Doch immerhin hatten er und seine Band Reamonn die verdienstvolle Stiftung "Saving an Angel" gegründet, die sich um Kinder und Jugendliche in Not kümmert. Hierfür waren auch die Eintrittsgelder des Events bestimmt. Unten im Saal saßen besonders generöse Sponsoren an netten runden Tischen. Ganz Las Vegas eben. So gab's zur Unterhaltung auch den guten Zweck. Und der heiligte den Rea.
Lediglich Sasha schien auf der Gala-Bühne seine wahre Bestimmung gefunden zu haben: War er als selbstironischer Rockabilly-Darsteller Dick Brave schon eine schrullige Sondernummer im deutschen Showbusiness, so schaffte er hier als einziger den nötigen Balance-Akt zwischen technischem Können und cooler Lässigkeit. Ihm glaubte man den Smoking samt Schleife (von Mittermeier in seiner Eröffnungsrede ständig als "Fliege" bezeichnet), während die anderen doch etwas kostümiert wirkten.
Sashas Sinatra hatte feine parodistische Züge, man spürte, wie gut er tatsächlich sein konnte, aber er ließ sich nicht zu plattem Pathos verführen. Natürlich kam keiner des Frankfurter "Packs" stimmlich an Sinatra heran, aber bei Sasha fiel es am wenigsten auf. Vielleicht weil er öfter lächelte? In jedem Fall zeigte er weniger Nervosität als seine beiden Kollegen.
Mittermeier rettet das Frankfurter "Pack"
Star-Comedian Mittermeier stürmte indes wie immer wirbelnd über die Bühne und spulte ein auf den Abend zugeschnittenes Programm seiner Komik-Technik ab. Das erstaunte angesichts der Tatsache, dass der Comedian bei der Generalprobe in einen zweieinhalb Meter tiefen Bühnengraben gestürzt war und sich Prellungen und Schürfwunden am ganzen Körper zugezogen hatte. Im Krankenhaus war der 39-Jährige für die Show fitgespritzt worden.
Mittermeier ließ sich seinen Schmerz nicht anmerken und ließ sich von den anderen auf den Arm nehmen und vom Mikrofon wegschubsen, um sich kurz darauf wieder mit Pointen zu rächen. "Die sind so cool, die pinkeln Eiswürfel!" spottete er zu Beginn über das Original-Rat-Pack - und hatte damit früh den Finger in die Wunde dieser Veranstaltung gelegt. Alle Äußerlichkeiten stimmten ja: Das MDR-Fernsehballett tanzte sehr sexy, die hübschen Violinistinnen sehnten saitenzart melodisch und die Band bewies, über welch überragende Qualität die deutschen Rundfunkorchester gebieten. Aber locker sein, cool gar, das lässt sich nicht mal eben einüben. Da hilft auch die perfekte Smoking-Ausstattung nicht viel.
Unter Aufbietung aller Kräfte sanken sich die Künstler am Schluss bei "My Way" in die Arme. Auf ihre Art hatten sie's dann auch geschafft, den Saal auf die Beine zu bringen. Die Standing Ovations hatte vor allem Mittermeier verdient, denn bei "My Way" durfte er endlich mitsingen - und klang gar nicht mal schlecht: Allerdings weniger wie Frank Sinatra, dafür eher wie Sid Vicious. Aber für manche war das eh die beste Art, "My Way" zu singen. Ganz verbissen.
"Alive and Swingin' - A Tribute to the Rat Pack" wird am Samstag um 20.15 Uhr auf ProSieben ausgestrahlt