Tageskarte Jazz Das Trauma Katrina
Als die tödliche Flut über seine Heimatstadt kam, war der Trompeter Terence Blanchard nicht in New Orleans. Er sah Bilder im Fernsehen, dann Material seines Freundes Spike Lee, für dessen Dokumentarfilm "Als die Deiche brachen" er die Musik komponierte. "Im Wasser treibende Leichen. Leichen auf Autodächern. Leichen in der Nachbarschaft, in der ich aufgewachsen bin", entsetzte sich Blanchard. Seinen von Schmerz und Wut getragenen Film-Soundtrack erweiterte er nun für das Album "A Tale Of God's Will". Die Mitglieder seines Quintetts, die alle aus New Orleans stammen, steuerten Stücke bei, ein 40-köpfiges Symphonieorchester kam dazu. Mit den Streichern schuf Blanchard üppige Klangbilder von anschwellenden Fluten und brechenden Dämmen; dagegen setzte er sparsam instrumentierte Teile, wie etwa ein Duo von Bass und Trompete. So gelang dem 46-Jährigen eine Art Rhapsodie vom Untergang einer Stadt, "A Requiem for Katrina".
Terence Blanchards Nachruf setzt die Reihe von Solidaritäts-Veranstaltungen und CD-Produktionen fort, die im September 2005 mit dem Benefiz-Konzert "Higher Ground" in New York begonnen hatte. Der ebenfalls aus New Orleans stammende Trompeter Wynton Marsalis versammelte damals Stars wie Cassandra Wilson, Diana Krall, Dianne Reeves, Norah Jones, Herbie Hancock und McCoy Tyner zu einem Event, das später als Album auf den Markt kam - eine von etlichen Jazz-Produktionen zu der Katastrophe. Denn das Trauma Katrina verfolgt besonders die Jazz-Gemeinde - nicht zuletzt weil viele Musiker aus New Orleans kommen und weil die immer noch unter den Folgen der Flut leidende Metropole als Geburtsstätte ihrer Musik gilt.
Klar, dass Katrina auch im neuen Album von Harry Connick junior vorkommt. Der im Kritiker-Poll von "Down Beat" zum besten Sänger des Jahres gewählte Künstler schrieb für seine CD "My New Orleans" ein zu Herzen gehendes Stück: "All These People" erzählt von den Tausenden, die während der großen Flut in das höher gelegene Convention Center von New Orleans geflüchtet sind und dort tagelang auf ihre Rettung warteten. Insgesamt aber vermittelt Connicks Hommage an seine Heimatstadt mehr Lebensfreude als Trauer. Die CD enthält außer Jazz auch Blues-, Gospel-, Funk- und Cajun-Stücke, darunter Ohrwürmer wie "Jambalaya" und "Hello Dolly". Der Sänger begleitet sich selbst am Klavier und hat die zündenden Arrangements für seine großartige Bigband geschrieben.
CD Terence Blanchard: "A Tale Of God"s Will - A Requiem For Katrina" (Blue Note).
CD Harry Connick jr.: "My New Orleans" (Sony).
Konzerte von Harry Connick jr:. 24.10. Berlin, Schiller-Theater; 25.10. Hamburg, Laeizhalle.