Tageskarte Jazz Grooving mit Goethe
Die Goethe-Zeilen "Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!" deklamiert er im Stil der Rapper; die Ballade vom "Heidenröslein" trägt er im Rockrhythmus vor; und "Wandrers Nachtlied" wird zum anspruchsvollen Songwriter-Pop, wenn er mit entrückter Fallsetstimme "Über allen Wipfeln ist Ruh" singt. Jens Thomas übersetzt zweihundert Jahre alte Lyrik in den Klang unserer Zeit.
Er braucht nicht mehr dazu als seine Stimme und ein Klavier (dessen Klangkörper er freilich auch als Perkussionsinstrument nutzt), um klassisches deutsches Kulturgut in ein akustisches Pop-Universum zu verwandeln. "Man kann das expressiv, aufrührend oder verrückt nennen", schreibt ein Kritiker der "Süddeutschen Zeitung". Und sicher stellt sich die Frage, ob es notwendig ist, unsterbliche Gedichte neu zu vertonen und in einer nicht da gewesenen Art vorzutragen. Aber Thomas' Projekt kommt offenbar an. "Goethes Texte werden greifbar, vermitteln sich mit unbekannten, aber dennoch nachvollziehbaren Perspektiven einem hingerissenen Publikum", meldete die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" nach einem Konzert im Schauspielhaus Bochum.
Dort arbeitete Thomas in den vergangenen Jahren als Artist in Residence. Unter dem Intendanten Elmar Goerden schrieb er Musiken für Inszenierungen, bei denen er zuweilen selbst auf der Bühne stand. Ein Markenzeichen seiner Bochumer Zeit war die Konzertreihe "Piano Voices", für Thomas ein Experimentierfeld als Pianist, Sänger und Performer und die Möglichkeit zu Auftritten mit ungewöhnlichen Partnern, wie einer Tänzerin, einer Malerin, einem Bergarbeiter-Chor.
Seine Vorliebe für happeninghafte Überraschungen hatte der 1970 in Braunschweig geborene Künstler schon bei seinem Diplomkonzert an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater 1996 offenbart. Nachdem er als Klavier-Kandidat die Prüfer mit Stücken auf seinem Instrument nachhaltig beeindruckte, ließ er sich einen E-Bass reichen und rockte zur Freude des Publikums röhrend und hüftenschwingend über die Bühne. Nach seinem Studienabschluss galt Thomas als die große Hoffnung unter den Jazzpianisten. Er spielte auf viel beachteten Alben mit Spitzenmusikern wie dem deutschen Saxofonisten Christof Lauer und dem italienischen Trompeter Paolo Fresu und reiste in verschiedenen Besetzungen für das Goethe-Institut durch die Welt.
Aber der Jazz füllte Thomas nicht aus; und zum Singen kam der Künstler, weil ihn die Frage umtrieb, "wie man aus dem akustischen Klavier die Kraft herausholen kann, für die man im Rock E-Gitarren und Verstärker braucht". "Wenn man einen Klavierton angeschlagen hat, lässt er sich nicht verändern", sagt er, "also erweiterte ich den Ton mit der Stimme." Der Regisseur Luc Parceval hörte ein Konzert mit dem immer wieder in Gesang ausbrechenden Power-Pianisten; er engagierte ihn 2003 für seine Othello-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen (sie steht sogar 2008 noch auf dem Spielplan): An einem auf der Bühne plazierten Flügel kommentiert Thomas die Handlung des Dramas. Er hämmert dumpfe Akkorde, zupft an den Saiten des Instruments, trommelt mit beiden Händen auf das Holz, fällt immer wieder in rauschhaften Singsang. Der Jazzpianist Thomas war in der Theater-Welt angekommen.
Auf das neueste Projekt kam der Musiker, als er in einem Hotel zufällig ein Bändchen mit dem Titel "Die schönsten Gedichte von Goethe" entdeckte. Thomas war beeindruckt vom Tiefgang der Verse. "Manche Gedichte", schreibt er im Text zu seinem Album, "erscheinen mir wie Beschwörungen, die davon singen, dass Glaube und Spiritualität nicht Sache religiöser Institutionen, sondern Angelegenheiten des Herzens sind."
P. S.: Anders als Jens Thomas setzt sich der niederländische Saxofonist Yuri Honing mit klassischem Kulturerbe auseinander. Begleitet von der Pianistin Nora Mulder spielt er Franz Schuberts Liedzyklus "Winterreise", indem er die Texte der romantischen Gedichte von Robert Müller auslässt und die Melodien ohne jede Veränderung interpretiert.
CDs Jens Thomas: "Goethe! Gesang der Geister" (ITM Records); Yuri Honing & Nora Mulder: "Winterreise" (Challenge Records).