Tageskarte Jazz: November-Liebe - DER SPIEGEL
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Tageskarte Jazz November-Liebe

Der einzige Sänger, der Grammys in den drei Kategorien Jazz, Pop und Rhythm & Blues gewonnen hat, beginnt nächste Woche eine Deutschland-Tournee: Al Jarreau wird mit der NDR Big Band in zehn Städten auftreten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Anfang des Telefongesprächs zwischen Hamburg und Los Angeles erwähne ich, was mir meine Frau aufgetragen hat: Der Künstler möge warme Kleidung mitbringen, wenn er Mitte November nach Europa kommt, denn hier werde es dann wahrscheinlich schon empfindlich kalt sein. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt gerührt: "Give her a kiss, give her a hug", haucht Al Jarreau und nimmt den freundlichen Rat einer ihm unbekannten Deutschen als Aufhänger für ein Loblied auf unser Land.

Diese Fürsorglichkeit zeige es mal wieder – die Deutschen seien großartig. Nirgendwo auf der Welt würde er sich wohler fühlen, als unter ihnen. Hamburg empfinde er "like my hometown". Die Leute dort hätten ihn einst wie ein "neighborhood kid" aufgenommen und bis heute spüre er bei Konzerten in der Hansestadt ihre Liebe. Nun freue er sich darauf, mit der großartigen NDR Big Band aufzutreten, sagt der Sänger und lobt auch noch das (öffentlich-rechtliche) deutsche System, das den Bestand eines solchen Orchesters ermöglicht.

Überschwängliche Worte eines in die Jahre gekommen Stars, der um Sympathien buhlt? Al Jarreaus Komplimente sind so nicht abzutun.

Denn seine deutschen Fans halten dem inzwischen 67-Jährigen mehr als andere die Treue. Und es war Hamburg, wo die Traumkarriere des Amerikaners begann.

Dort spielte im Frühjahr 1976 der Musikproduzent Siggi Loch dem Besitzer des Szenelokals "Onkel Pö", Peter Marxen, und dem NDR-Jazzredakteur Michael Naura die Platte eines Vokalisten vor, der im Hauptberuf noch als Sozialarbeiter tätig war. Die ungewöhnliche Stimme des unbekannten Amerikaners gefiel den dreien, und sie beschlossen, ihn nach Europa zu holen. Al Jarreau kam und hatte am 12. März 1976 - seinem 36. Geburtstag - seinen ersten Auftritt im Onkel Pö. Wirt Marxen erinnert sich an den "Tag, an dem die Bierhähne still standen". Denn hingerissen von der Musik vergaßen die Leute in der überfüllten Kneipe das Trinken. Sie erlebten einen Sänger mit einem Tonumfang vom tiefsten Bass bis zum höchsten Flageolett, eine "unfassliche Mischung aus Soulsänger, Unterhaltungskünstler à la Sammy Davis Jr. und Improvisationstalent wie Jon Hendricks" (Naura). Buchstäblich über Nacht wurde Al Jarreau in Hamburg zum Tagesgespräch, und die ins Onkel Pö eingeladenen europäischen Veranstalter und Produzenten machten dem Amerikaner Angebote. Eine Weltkarriere begann.

Obwohl ins Onkel Pö bestenfalls 300 Personen passten, behaupten heute tausende Jazzfans, dass sie dabei waren in jener Hamburger Nacht, an die sich auch Jarreau gern erinnert. "Es war mein erster Auftritt im Ausland, vor Menschen, deren Sprache nicht Englisch ist", erzählt er, "und ich machte mir Sorgen, ob sie mich verstehen würden." Natürlich verstanden ihn die Deutschen und dass sie ihn zu einer Art Kultfigur erhoben, rührt Jarreau. Seine Liebe zu diesem Land erklärt er auch mit seiner Kindheit. Der Sohn eines Pfarrers und einer Pianistin wuchs in der weitgehend von deutschen Einwanderern geprägten Stadt Milwaukee auf. "Da gab es Bäckerläden und Schlachter-Geschäfte, die genau so aussahen, wie die in Hamburg", erinnert er sich, "um mich herum wurde oft deutsch gesprochen."

Sogar das Klima in Milwaukee sei dem deutschen ähnlicher, als das Wetter in Los Angeles, wo er seit Jahrzehnten wohnt, wenn er nicht durch die Welt tourt. Al Jarreau will noch lange reisen, aber wenn ihm das eines Tages zu viel werden sollte, könne er sich einen Ruhestandsort gut vorstellen –Deutschland.


Konzerte von Al Jarreau mit der NDR Big Band: 16.11. Bremen, 19.11. München, 21.11. Kaiserslautern, 23.11. Nürnberg, 25.11. Düsseldorf, 26.11. Frankfurt, 29.11. Baden-Baden, 30.11. Dortmund, 3.12. Berlin, 4.12. Hamburg. Karten: Tel. 040/413 22 60, www.karsten-jahnke.de