Tageskarte Klassik: Trainingseinheit zu dritt - DER SPIEGEL
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Tageskarte Klassik Trainingseinheit zu dritt

Mit zwei Freunden hat die niederländische Star-Geigerin Janine Jansen eine Bach-CD aufgenommen, die den Inventionen des Barock-Patriarchen in neuem, beschwingtem Klanggewand zeigt. Spielen konnten die drei jungen Leute aus den Originalmanuskripten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Bach hat noch keiner kleingekriegt, witzeln Kenner manchmal böse. Felix Mendelssohns biedermeierlicher Heiligenschein für die "Matthäus-Passion", Ferruccio Busonis bombastisch-raffinierte Klavierversionen großer Orgelstücke oder die "Play Bach"-Verjazzungen des Jacques Loussier – die musikalische Substanz des Patriarchen haben alle wohlmeinenden Aufhübschungen weder zersetzen noch gar übertrumpfen können. Höchstens also muss der Bach-Freund, der kein Purist sein will, sich entscheiden, ob eine Neufassung letztlich doch bloß neckisches Recycling ist oder einen anregend neuen Blick auf die Werke bietet.

Bei der neuen Aufnahme von Janine Jansen fällt diese Entscheidung nicht schwer. Unzählige Klavierschüler haben die zwei- und dreistimmigen Inventionen des Thomaskantors üben müssen, aber hier verteilt sich der Kontrapunkt von Cembalo oder Klavier auf drei Streicher, die hörbar Spaß an der Sache haben. Gemeinsam mit dem Bratscher Maxim Rysanov und für die dreistimmigen Stücke Torleif Thedéen am Cello macht die Holländerin Janine Jansen, 29, aus den Stückchen, die Bach als kleine Trainingseinheiten für seine Söhne komponierte, muntere Klangdialoge.

Bachs Handschrift ist so säuberlich, dass die jungen Musiker direkt aus Kopien der erhaltenen Originalmanuskripte spielen konnten – authentischer geht es kaum. Natürlich folgen nicht alle Verzierungen und kleinen Bogentricks der drei Solisten restlos historischen Vorbildern. In der genialen dreistimmigen f-moll-Invention etwa spielt der Cellist die Bass-Stimme im Pizzicato (gezupft). Bei den spärlich hingetupften Original-Noten ist das nur logisch, und vergnüglich ist die Sache erst recht. Bach wenigstens, der selbst fleißig barocke Italiener für neue Besetzungen umarbeitete, hätte gegen diesen klugen, beschwingten Zugang zu seiner Musik gewiss nichts einzuwenden gehabt.

Zwischen den beiden Inventions-Zyklen hat Janine Jansen, die Galionsfigur dieser CD, dann noch ihren großen Auftritt: An der d-moll-Partita für Solovioline kann sie beweisen, dass sie keineswegs bloß für beschwingte Miniaturen gut ist. Die Chaconne (oder Ciaccona) dieses Suitenstücks gilt dank ihres verblüffenden Einfallsreichtums und ihrer für Bachs Zeiten beinahe ultimativen Griff-Anforderungen als Testfall aller Violinvirtuosen. Auch hier lässt sich Janine Jansen nicht vom Manierismus vieler Star-Geiger anstecken: In zügigem Tempo und pulsierender Rhythmik präsentiert sie das Bravourstück in souveräner Bescheidenheit, ohne triumphale Gesten, dafür mit desto mehr Substanz. Wie sie durch sanfte Lautstärke-Abstufungen immer wieder geheimnisvollere Winkel ausleuchtet, das beweist schon großes Können.


J. S. Bach: "Inventionen und Partita" mit Janine Jansen, Maxim Rysanov und Torleif Thedéen (Decca)