Tageskarte Klassik Wagner goes Bohlen
Die Wagners wussten schon immer mit den Medien umzugehen. Neuigkeiten werden am liebsten im "Nordbayerischen Kurier", gerne auch via "Bunte" in die Welt gepustet. Kürzlich gab Katharina Wagner, die jüngste Urenkelin Richard Wagners und heißeste Anwärterin auf die Thronfolge am Grünen Hügel, der Berliner Boulevard-Zeitung "B.Z." ein Exklusiv-Interview. Dabei outete sie sich als Fan des großen DSDS-Kurators Dieter Bohlen.
"Ich würde gerne selber mal bei 'Deutschland sucht den Superstar' in der Jury sitzen", gab die 29-Jährige zum Besten. Da lacht die Nation.
Tatsächlich war Richard Wagner fast selber Erfinder des Sängerwettstreits vor Publikum. In seinen Opern "Tannhäuser" und "Meistersinger von Nürnberg" geht's um nichts anderes. Bohlen wäre demnach eine Art Landgraf oder Meistersinger von heute. Wir freuen uns daher jetzt schon auf den neuen Stil von Bayreuth. Genau darauf gibt Katharina Wagner auch in der neuesten Ausgabe des "Kleinen Hörsaals" (Deutsche Grammophon) einen deftigen Vorgeschmack.
Dieses Musikpädagogik-Projekt auf CD erklärt Kindern ab sieben Jahren, wie Klassik funktioniert. Schon Hilary Hahn erzählt hier, wie man die Geige hält. Und Thomas Quasthoff begründete, warum er auf keinen Fall Tenor werden wollte, sondern lieber als Bassbariton die "Schöne Müllerin" singt.
Für Katharina Wagner, die der neuesten Ausgabe ihre bullerig tiefe Stimme leiht, hatte man vorab Engelbert Humperdincks Märchen-Oper "Hänsel und Gretel" ausgesucht. Tatsächlich verwandelt sich der "Kleine Hörsaal" unter Katharinas Mitwirkung in einen Streichelzoo mit Regisseurin.
Denn als Theatermacherin und -deuterin wird sie von sechs Kindern hartnäckig befragt. Dabei offenbart sie, dass man das Knusperhäuschen der bösen Hexe heute eher als "Jugendclub" auf der Bühne darstellen würde. Die Hexe wäre in Katharina Wagners Regie-Version die "Obermackerin von so'ner Straßengang". So sagt Katharina. Und schon jagt sie nicht nur den Kindern, die um sie versammelt sind, einen gehörigen Schrecken ein.
"Wie?!", zweifeln die jungen Zuhörer ins Mikrofon. "Heißt das, dass das Hexenhaus jetzt aus Hasch gebaut wird?" "Im Prinzip ja", antwortet die Regisseurin. Bedenkliches Schweigen. Schließlich will gerade junges Publikum die Werke, die es noch nicht x-fach gesehen hat, auf der Bühne auch wieder erkennen.
Das überrascht Katharina nun allerdings nicht. "Ich arbeite ja auch mit Leuten zusammen, die teilweise nicht meine Ansichten teilen", plaudert sie aus der Schule Bayreuth, wo sie im vergangenen Jahr ihren Regie-Einstand mit den "Meistersingern" gab. Im Prinzip sei es bei "Hänsel und Gretel" doch ganz "wie im richtigen Leben: Die Mama hat'n Fehler gemacht und der Papa schimpft".
Selten erhielt man in grober Verschlüsselung so ungeschützten Einblick in das Leben hinter den Bayreuther Bühnenkulissen. Sie selber entscheide sich bei der Wahl des Stückes danach, ob sie "da was 'rausziehen" könne, sagt Katharina. Um sich die Sänger auf der Bühne besser vorstellen zu können, verwende sie kleine "Figuren aus dem Modellkasten". Bei den Kostümen sei es bei ihr immer "wichtig, dass die Leute viele Taschen haben". Denn sie bekämen von ihr immer so viele Requisiten mit auf den Weg. Über so viel blanke Naivität und hohle Ehrlichkeit kann man als Zuhörer tatsächlich nur staunen.
Auch die Hexe im Grimmschen Märchen bringt "Katharina die Grobe", wie man die Erbin einst unsanft titulierte, mit kongenialer Treffsicherheit auf den Punkt: "Hat die noch alle Tassen im Schrank?"
So verheißt Katharina Wagners mögliche Thronfolge in Bayreuth als Nachfolgerin ihres greisen Vaters, des 88-jährigen Wolfgang Wagner schon heute eines: gute Unterhaltung. Für Bohlens DSDS-Jury wünschen wir uns die Maid indes nicht. Sie erhält mit den Pressekonferenzen bei den Bayreuther Festspielen eine viel langlebigere Plattform.
CD "Hänsel und Gretel mit Katharina Wagner" (Deutsche Grammophon).