Tageskarte Pop: Der heimliche Held - DER SPIEGEL
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Tageskarte Pop Der heimliche Held

In Frankreich ein Star, im Rest der Welt ein Unbekannter: Étienne Daho, der Begründer des coolen Franzosen-Pop, legt ein tolles neues Album vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Frankreich, wo sie ihre Helden doch sonst so gerne feiern, hätten sie den Mann längst mit einer nach ihm benannten Mondsonde, einer Briefmarke oder sonst was für einer Respektbekundung ehren sollen. Denn Étienne Daho gelang, was ewig als unmöglich galt: Er modernisierte die Gauloise-vermiefte französische Popmusik.

Denn lange vor Air, Daft Punk, Benjamin Biolay, Keren Ann und wie die Stars der vergangenen Jahre heißen, war da nur Étienne Daho, von dem sie alle gelernt haben. Und weil in Zeiten der Pop-Globalisierung auch Musik aus Frankreich ein Exportschlager ist, bleibt es ein Rätsel, warum der Name Daho jenseits des französischen Sprachraums kaum etwas gilt. Daran wird vermutlich auch sein neues, wie immer exzellentes Album "L'Invitation" nichts ändern, was ein Jammer ist. Denn der Pop-Ästhet, geboren 1951, beherrscht noch immer die hohe Kunst des unterkühlt-eleganten Rock'n'Roll-Chansons.

Daho ist souverän genug, seine neue, lang erwartete CD nur auf 44 Minuten und 47 Sekunden anzulegen. Dafür liefert er elf Lieder, die frei von Mittelmaß sind, gemächlich im Tempo, geschmeidig gesungen und detailverliebt inszeniert. Wer sich ranhält, sollte sich die limitierte Version mit Bonus-CD zulegen, auf der der Künstler Klassiker von Hank Williams, Smokey Robinson, Fred Neil und anderen lustig auf Englisch schnurrt.

Der in Algerien geborene Daho verehrte als Minderjähriger Syd Barret und Velvet Underground, begeisterte sich für französische Punks wie Stinky Toys und kam in den Achtzigern mit eigenen Liedern groß raus.

Sein 1986 veröffentlichtes drittes Album "Pop Satori" gilt in Frankreich als Über-Klassiker und Ausgangspunkt einer neuen jungen frischen Popmusik. Daho vereinte daheim als erster Musiker Tradition und Moderne, also Chansons mit Electrobeats und einer Prise New Wave. Enorme Mühe gab er sich stets auch mit der Inszenierung. Plattenhüllen, die ihn immer wieder gern als entrückten Dandy zeigten, ließ er von lässigen Künstlern wie Pierre & Gilles oder Guy Peelaert anfertigen. Noch illustrer ist die Reihe von Kollegen, die er ins Studio bat: Astrud Gilberto, Jarvis Cocker, The Swingle Singers, Chris Isaac, Marianne Faithfull und wohl alle nennenswerten Franzosen von Air bis Charlotte Gainsbourgh. Die britischen Pop-Romantiker von Saint Etienne landeten mit der Daho-Coverversion "He's on the Phone" übrigens den größten Hit ihrer Karriere.

In Frankreich feiern sie Étienne Daho nun immerhin mit einer demnächst erscheinenden Tribut-CD, auf der junge Verehrer wie Benjamin Biolay, Nouvelle Vague oder Sebastian Tellier sich verneigen.


CD Étienne Daho: "L'Invitation" (Capitol/EMI)