Englische Band The 1975: Ambitioniert und ansehnlich
Pop-Gruppe The 1975 live Schlaumeier-Pop vom Strubbelkopf
Ziemlich genau in der Mitte des Sets hat Matty Healy eine Ansage zu machen. Das macht er sonst nicht oft, sonst fragt er meist nur "Hamburg, how you're feeling?" und ähnliches Animierzeugs. Doch das hier ist ihm wichtig: Ob wir im Publikum nicht in den nächsten fünf Minuten mal die Telefone auslassen könnten, bitte? "I'm not trying to be an artist", sagt er und spricht das A in "artist" ganz lang durch die Nase aus - aber unsere Erinnerungen an den Moment würden doch mehr wert sein als ein Handyvideo.
Es ist ein typischer Augenblick für Matthew Healy, den Sänger der englischen Band The 1975: Einerseits möchte er gerne ein Popstar sein, einer, der nur wenige Lieder zuvor durchaus zu genießen schien, wie seine Fans mit ihren Handylichtern die Ballade "A Change of Heart" illuminierten. Er will sich nicht als Künstler verstanden wissen, wenn in dem Wort Verblasenheit und Distanz mitschwingen.
Intelligenter Pop
Und doch sieht sich Healy, selbst ja erst 26 Jahre alt, schon als jemand, der seinem Publikum auch ein bisschen was mit auf den Weg geben will. Seine Songs sind voll von cleveren Textzeilen wie "I know you're looking for salvation in the secular age, but girl I'm not your savior", "You were coming across as clever, Then you lit the wrong end of your cigarette" oder gar "I'm the Greek economy of cashing intellectual cheques". Ja, er hält sich für schlau. Und das macht die Sache ein bisschen kompliziert.
Aber tatsächlich scheint bei The 1975 der im Pop, wo es ja sonst oft so simpel und knallig wie nur irgend möglich sein soll, der Fall einzutreten, dass die Verkomplizierung dem Fortkommen der Band dienlich ist. Mit ihrem zweiten Album, kompakt "I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It" betitelt, kamen sie vor ein paar Wochen auf Platz eins der britischen und der US-Albumcharts. Ihr erstes Deutschland-Konzert 2016 wurde in Hamburg in die größere Alsterdorfer Sporthalle verlegt.
In der sind die Männer klar in der Unterzahl, was ja für eine Popband meist ein gutes Zeichen ist. The 1975 machen ganz offenbar Musik, die Freundinnen miteinander teilen: zu der sie zusammen tanzen, sich Zeilen zurufen, sich umarmen, ja, schon auch mal kreischen. Viele werden kurz vor oder kurz nach dem Abitur stehen.
Und Matty Healy gibt sich bereitwillig der female gaze hin, wirft sich auf der Bühne immer wieder in Pose; sein wunderbar lockig-strubbeliges Popstarhaar hat er anfangs noch mit einem Zopf gebändigt, doch dann fällt es immer freier; frei ist auch bald Healys tätowierter Oberkörper unter einem offenen Hemd. Er winkt und zwinkert, lässt mitsingen, gibt den Müden und den Hüpfenden - der Sohn eines Schauspielerpaars weiß offensichtlich, was er tut.
Das hat The 1975 zwischenzeitlich den Ruf eingebracht, die Band für die älteren Geschwister von One-Direction-Fans zu sein. Taylor Swift outete sich als großer Fan und ließ sich mit einem The-1975-T-Shirt blicken; dass die vier Musiker aus einem Vorort von Manchester Indie-Gitarrensounds verwendeten, machte sie für verbohrte Jungs, denen begeisterte Mädchen womöglich ohnehin verdächtig erscheinen, erst recht zum Feindbild: Englands Indie-Instanz "NME" wählte The 1975 zur Zeit ihres Debütalbums zur schlechtesten Band des Jahres 2013.
Vielfalt und hübsche Details
Doch inzwischen hat das Wochenblatt die Band längst auf die Titelseite genommen. Und beim Hamburger Konzert waren auch einige ältere Semester zu sehen. Sie konnten sich heimisch fühlen, weil viele Einflüsse aus den Achtzigerjahren im Sound von The 1975 wiederzufinden sind. Besonders eklatant im schon fast als Hommage an INXS zu wertenden "Love Me", aber auch immer wieder zwischendurch, mal mehr Talking Heads, mal eher Duran Duran, für Kenner: The Blue Nile. So viel Szenenapplaus wie die Saxofonsoli bei diesem Konzert bekamen die Bläser von Spandau Ballet oder den Psychedelic Furs seinerzeit aber selten.
Musikalische Einflüsse und Zitate sammeln The 1975 allerdings auf weiter Fläche ein. Sie werden auch Nullerjahre-Bands wie Phoenix oder LCD Soundsystem gehört haben, die Indierock-Geschichte von Placebo bis zu den Arctic Monkeys durchgearbeitet haben, vor allem zeigen sie aber auch ein Faible für modernen R&B; die Zugabe "If I Believe You" wäre von Sound und Pose her ohne D'Angelo kaum denkbar.
Das Entscheidende ist aber, dass diese Vielfalt an Einflüssen sich bei The 1975 in vielen hübschen Details manifestiert, die einem grundsätzlich ziemlich nach vorne gehenden Pop-Sound zusammen mit den zwischen Pathos, Schlaumeierei und wirklichen großen Sätzen einen ziemlichen Mehrwert verleihen. Zitat-Pop nannte man so etwas mal, es waren nicht die schlechtesten Zeiten für die Hitparaden. Bei The 1975 kommt noch eine Selbstironie dazu, die sie in Musikvideos ausleben. Doch beim Konzert in der Hamburger Sporthalle ließen sie sich zum Schluss ganz unironisch bejubeln.