The Corrs: Weißgekachelter Pop - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

The Corrs Weißgekachelter Pop

Das verkrampfte Schielen auf den amerikanischen Markt verdirbt der irischen Popband The Corrs den Charakter. Was einst erfrischend unschuldiger Pop war, weicht einer kalkulierten Routine.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Kein Mensch", behauptet Andrea Corr, "hat je versucht, aus unserem Aussehen Kapital zu schlagen." Ach wirklich? Das wäre ja zum lauthals Lachen, wenn's nur nicht so zum Weinen wär. Warum sie und ihre Schwester Sharon heute schon zu Interviews mit derart wenig Textil um die mager gewordenen Körper erscheinen, so dass ohne Unterlass gezupft und gerade gerückt werden muss, um wenigstens das Nötigste zu verbergen, das sagt Andrea nicht.

Dabei ist Irlands derzeit erfolgreichste Familie, sind The Corrs vor gut fünf Jahren noch als Quartett scheuer Geschwister an die Öffentlichkeit getreten, nichts als ein paar schöne Songs, profundes Talent und ein umwerfend charmantes Lächeln im Gepäck. Seither war eine wirklich bestaunenswerte Metamorphose zu betrachten.

Mit den Hüllen fielen auch ein paar Ängste vor dem Ruhm, mit den goldenen Schallplatten zog auch Routine ein in vormals noch recht amüsantes Tun. Wenn die Corrs, wenn also Sängerin Andrea und Sharon an der Violine, Bruder Jim mit der Gitarre und am Schlagzeug Caroline, sich auf eine Bühne begaben, dann konnte man des Jubels sicher sein. Zuerst fanden das ein paar Rezensenten noch erfrischend neu, inzwischen ist die Begeisterung dem Lamento übers ewig Gleiche gewichen.

In einer Londoner Hotelsuite wird jetzt trotzdem unbeirrt Promotion gefahren. Das jüngste Werk der Band, "In Blue", so sagen Sharon und Andrea unisono, sei "sicherlich das Schönste wohl bislang." In Dublin und somit nah dem häuslichen Herd habe man zum ersten Mal produziert, und es sei "irgendwie sehr schön gewesen, nebenher mal ein paar Freunde zu treffen und nicht bloß in Kantinen zu speisen." Dem Album aber hört das niemand an. Das bietet zwar recht schöne Songs, die allesamt jedoch weit mehr nach weiß gekacheltem Pop klingen als nach profundem Spaß. Der Markt Amerika, er lockt, auch wenn die Schwestern sagen, dass sie der gar nicht interessiert. "Im Radio", giftet Sharon nun ganz unvermutet, "spielt man uns dort ja sowieso nicht." Das nagt, das nervt ganz ungemein. Nur aussprechen will es natürlich keine von den beiden.

The Corrs: "In Blue" (Eastwest); Veröffentlichung am 17. Juli 2000