The Darkness & Co.: Die Rückkehr der Spandex-Hose - DER SPIEGEL
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The Darkness & Co. Die Rückkehr der Spandex-Hose

Das musste ja so kommen: In England formiert sich der lautstarke Widerstand gegen gecastete Pop- und Superstars. Mit schweren Gitarrengewittern und allen Geschmacklosigkeiten, die Heavy Metal in den achtziger Jahren zu bieten hatte, feiert die Rockband The Darkness Erfolge in den Charts.
Von Edgar Klüsener
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war in den Achtzigern, als Rockmusiker zu Karikaturen verkamen. Hochgefönte, vornehmlich blonde Langhaarfrisuren, Lidschatten und - zumeist stümperhaft eingesetzte - Kajalstifte bestimmten das Äußere. Glam- und Glitzer-Hardrocker von Poison über Ratt bis hin zu Def Leppard und Europe rissen alle Geschmacksbarrieren nieder, und ihr immenser Haarsprayverbrauch trug zum raschen Anwachsen des Ozonlochs bei.

Allen gemeinsam war außerdem die Vorliebe für Spandex-Stretchhosen. Getigert, zebrastreifenverziert, leopardenfellgesprenkelt oder ganz und gar silbrig - je kitschiger, desto bühnentauglicher. Musikalisch trennten die Bands oft kleinere Welten voneinander, modisch stapften sie munter gemeinsam durch alle nur erdenklichen Fettnäpfchen. Gott, haben wir sie deswegen bemitleidet - und klammheimlich oder offen eingestanden auch geliebt. Aber Gott, waren wir froh, als die Achtziger endlich vorbei waren und die Glam- und Glitzerrocker sich als kleine Episode in ein Kapitelchen der Rockgeschichte verkrümelten und schnell in Vergessenheit gerieten.

Doch zu früh gefreut. Jetzt sind sie wieder da. Und schamlos reizen sie alle Klischees der Achtziger bis in die winzigsten Lycra-Details aus. The Darkness ist der Name der britischen Rockband, die den Spaß an Glam und Glitzer, an Spandex, Haarspray und Zebra-Flatterkostümen wieder entdeckt hat und die Geschmackssünden der Vergangenheit erneut hof- und hitparadenfähig macht.

Das Flitter-Outfit ist nur ein Markenzeichen der Briten, die die heimischen Charts im Handstreich erobert haben und sich nun anschicken, auch dem Rest der Welt zu beweisen, dass auf der Insel nach langjähriger Pause endlich wieder abgerockt wird. Das andere Markenzeichen ist die ständig überstrapazierte Falsettstimme von Sänger und Gitarrist Justin Hawkins. Justin bemüht seine Kopfstimme weit über die Maßen und klingt dabei wie eine Mischung aus David Lee Roth auf Speed und Freddie Mercury nach einer Helium-Inhalation. Der Höreindruck ist gewöhnungsbedürftig, sorgt aber immerhin dafür, dass die Stimme in Erinnerung bleibt. Dass Justin, zusammen mit seinem Bruder Dan an der zweiten Gitarre zudem der Hauptkomponist der Band, auch anders kann, beweisen die wenigen Songs, die er mit normaler, dann doch überraschend guter Stimme singt.

Das Quartett ist die Speerspitze eines erstaunlichen Revivals der britischen Rockmusik, das neben ihnen schon Iron Maiden, die Altväter der Heavy Metal-Revolution der späten Siebziger, an die Spitze der Charts zurückgespült hatte und von Dutzenden taufrischer und ideenreicher junger Bands wie Amplifier oder The Music mitgetragen wird. Die neue Welle des britischen harten Rocks ist gerade erst ins Rollen geraten, so scheint es.

The Darkness sind darüber sicher nicht traurig. Vor kaum sechs Monaten war die Band noch ein kleiner Indie-Act, heute sind sie schon Superstars, kreischende Teenager am Bühnenausgang inbegriffen. Als Speerspitze einer Bewegung allerdings sehen sie sich nicht. "Wir sind The Darkness", sagt Gitarrist Dan Hawkins ganz ernst. "Wir sind einmalig auf der Insel, nicht Teil einer Bewegung, wenn es eine solche überhaupt geben sollte. Sollte es sie geben, sind wir kein Teil davon."

Es gibt sie, diese neue britische Rockmusik, sagt dagegen Bassist Frankie Pouillan, und es gäbe auch Gründe dafür, dass es sie gibt. Das Publikum sei sie ganz einfach leid, führt er weiter aus, diese TV-Popstar-Marionettenkünstler und diese von alternden Musikbossen und Entertainern vor laufenden Kameras gecasteten Eintagsfliegen. Das Publikum sei auch die zu Tode betrübten, weinerlichen und zwanghaft künstlerischen Britpop-Bands und die einfallslos-monotonen Computer-DJs leid, es wolle einfach wieder Bands sehen, die ehrlich arbeiten und sich auf der Bühne voller Lust am Lied den Allerwertesten abspielen. Rockmusik sei eben kein tierisch ernsthaftes Geschäft für die vom Trübsal Geschlagenen, sagt Poullain, sondern habe auch was mit Schweiß, Spaß und Party zu tun.

Schweiß, Spaß und Party liefern The Darkness en gros. Sie setzen nicht nur auf den wuchtigen Metal-Dampfhammer, sondern auch auf eingängige Riffs und Melodien mit einigem Wiedererkennungswert. Pop im ursprünglichen Sinne von populär ist das allemal. Rock im Sinne von hart, schnell, wuchtig und mitreißend auch. Ihre Musik - und damit sich selbst als Musiker - nehmen sie durchaus ernst. Zugleich spielen sie aber auch ganz bewusst mit den Achtziger-Jahre Klischees, persiflieren optisch Queen und Gary Glitter und sind jederzeit bereit, sich über sich selbst zu amüsieren. Dieser augenzwinkernde Umgang mit schrillen Stereotypen der Marke Spinal Tap in Verbindung mit ausgereiftem Songwriting und einer perfekt durchgestylten Bühnenshow macht den Reiz von The Darkness aus und erklärt ihren kometenhaften Aufstieg auf der Insel. Ein Aufstieg, der sich in Amerika fortzusetzen scheint, wo The Darkness die Art von Riesenkarriere prophezeit wird, die Landsmännern wie Oasis oder Robbie Williams bis heute verwehrt wird.

Darauf, dass sie am Ende wirklich ganz oben anlangen könnten, als Headliner im ausverkauften "Yankees"-Stadion von New York zum Beispiel, deutet auch eine andere Qualität von The Darkness hin: ihre Cleverness. Die Band weiß sehr wohl, dass das Popgeschäft nicht nur ein schillernder großer Zirkus ist, sondern auch ein Haifischbecken, in dem Naivität den Untergang garantiert. "Wir mögen zwar eine Rockgruppe sein, unsere Arbeitsweise aber ist klar die von Independent-Künstlern", sagt Pouillan. "Man könnte das auch Punk-Ethos nennen. Wir stellen sicher, dass alle Fäden bei uns zusammenlaufen, dass wir die uneingeschränkte Kontrolle über alle Aspekte des Unternehmens The Darkness behalten."

Ihre Geschäftstüchtigkeit hat die Band aus dem kleinen Nest Lowestoft von Anfang an bewiesen. Das Debütalbum hat sie selbst finanziert, auf eigenem Label veröffentlicht und dann ein Paket geschnürt, von dem sie hoch dotierte Anteile an Warner verkauft hat. "Wir haben von den ersten Minuten an Geld verdient", konstatiert Dan Hawkins nüchtern. "Wo andere Musiker zunächst einmal deftige Schulden anhäufen, nicht zuletzt bei ihren eigenen Plattenfirmen, sind wir sofort auf die Guthabenseite gerutscht. Das soll natürlich so bleiben. Wir werden daher auch in Zukunft unsere eigenen Interessen sehr genau im Auge behalten."

Sind The Darkness das Glam- und Glitter- Aushängeschild der neuen britischen Rockbewegung, stehen Amplifier für jene Art von innovativem Rock, dessen Wurzeln nicht bei Gary Glitter, Queen oder Def Leppard zu finden sind, sondern eher bei Led Zeppelin, Steamhammer, Black Sabbath oder Cream. Das Trio aus Britanniens Musik-Epizentrum Manchester hat mit Spandex-Hosen und Föhnfrisuren nichts am Hut, hält von The Darkness herzlich wenig, ist aber mit den ungeliebten Kollegen zumindest in einem Punkt einig: Die Wiederkehr der Rockmusik ist die längst überfällige Antwort auf die unheilvolle Stagnation der britischen Popmusik und den ohrenbetäubenden Lärm um viel Nichts, den Fernseh-Programme wie "Fame Academy", "Pop Idol" und all deren Klone veranstalten. In einer Periode der Beliebigkeit, der stupiden Wiederholung, einer Zeit, in der schlechte Musiker ebenso schlechte Musiker kopieren, sei Rockmusik der Ausweg aus der Übersättigung und der gähnenden Langeweile des etablierten Popbetriebes.

Amplifier haben gerade ihr erstes Album eingespielt, als Band allerdings schon einige Jahre auf dem Buckel. Ausgedehnte Tourneen unter Minimalbedingungen kreuz und quer über die Insel haben sie musikalisch und persönlich zusammengeschweißt. Die Band hatte sich so schon ein treues Fanpublikum hart erarbeitet, bevor sie überhaupt an einen Plattenvertrag denken konnte.

War es noch vor zwei oder drei Jahren für britische Musiker schwer imageschädigend, mit krachenden Gitarren zu arbeiten und auf der Bühne Spaß zu haben, hat sich das Bild inzwischen grundlegend gewandelt. Gerockt wird überall im Land, die Generation der 15- bis 25-Jährigen hat die Nase voll von Acid House und Artpop und schwört lieber auf Gitarrensoli, Glam und Glitter und auf schweren Rock. Bands wie The Darkness und Amplifier sind nur die ersten Vorboten einer Welle, die bald auch den Rest der Welt überschwemmen könnte. Ob wir das nun wollen oder nicht.