The Notwist live: Feines Sound-Durcheinander
The Notwist live in Paris Nerds mit Unterhaltungswert. Irre!
"Ein Golem aus Fleisch und Bits" - so bezeichnete das französische Musikmagazin "Les Inrockuptibles" die deutsche Band The Notwist anlässlich des jüngsten Albums "Close to the Glass". Zu dessen Veröffentlichung spielten die Musiker aus dem bayerischen Weilheim ein Konzert im "Divan du Monde" in Paris, das für Arte aufgezeichnet wurde und das Sie nun bei SPIEGEL ONLINE in voller Länge sehen können.
Die Kollision von analoger und digitaler Musikerzeugung, die bei The Notwist im Mittelpunkt steht, führt dieses Konzert am vorderen Bühnenrand ganz sinnfällig vor Augen und Ohren: Vom Publikum aus rechts steht Martin Acher, der mit sanfter Melancholie in der Stimme singt, drängende Gitarrenakzente setzt und gelegentlich Scratches vom Plattenspieler aus in das fein konstruierte Durcheinander des Notwist-Sounds hineinschickt. Sein Nebenmann ist Martin Gretschmann, solo auch als Console bekannt, der seine Filter und Regler in den Computerprogrammen mit Hilfe von Wii-Controllern bedient. So kommt Bewegung in das live sonst oft so nerdig-öde wirkende Knöpfchendrehen!
Das ist nur eines der zahlreichen eindrucksvollen Details, die der Mitschnitt von The Notwist in Paris zutage fördert. Zu sehen ist beispielsweise auch, wie Karl Ivar Refseth, der vom Jazz kommende norwegische Gastmusiker, sein Vibrafon mit dem Geigenbogen behandelt, um dem eigentlich meist perkussiv verwendeten Instrument die schlierenhaften Klänge abzuringen, die im Notwist-Sound immer Platz haben neben elektronischem Geknurpsel, Indie-Rock-Dynamik und den allerschönsten Melodien.
Mit dieser Mischung haben es die aus der oberbayerischen Provinz stammenden Acher-Brüder weit geschafft. Ursprünglich hatten die Söhne eines Jazzmusikers The Notwist 1989 als Hardcore-Band gegründet, doch nach und nach öffnete sich das Klanguniversum der Welt, und mit gefeierten Alben wie "Shrink" (1998) oder vor allem "Neon Golden" wurden sie weit über Deutschland hinaus bekannt.
Das geschmacksbildende US-Web-Magazin "Pitchfork" zählte das 2002 erschienene "Neon Golden" zu den besten Alben der Nullerjahre, auch in Italien, Polen oder Norwegen wurde das oft mit Radioheads "Kid A" verglichene Werk gefeiert. Besonders großen Eindruck machten The Notwist aber in Frankreich, wo auch das von der Kritik weniger geschätzte Nachfolgealbum "The Devil, You & Me" 2008 in die Charts kam.
Insofern ist es kein bloßes Zugeständnis an den deutsch-französischen Kultursender, dass The Notwist ausgerechnet ein Konzert in Paris aufzeichnen ließen, zur Präsentation des nach erneut sechs Jahren Pause wieder sehr gelungenen Albums "Close to the Glass".
Sehen Sie das brillante Konzert von The Notwist hier bei SPIEGEL ONLINE.