"The The": Bis auf die Knochen - DER SPIEGEL
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"The The" Bis auf die Knochen

Matt Johnson ist der Meister des Seelenstrip. Mit "Naked Self" schafft sich der The-The-Frontman auch im Jahr 2000 Gehör.
Von Cristina Moles Kaupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine wohlvertraute Stimme aus den achtziger Jahren – ungebrochen. Obwohl man sich dessen bei Matt Johnson nie so richtig sicher sein konnte. Zu groß ist seine Lust, das Innerste nach Außen zu kehren. Dieser Brite leidet eindeutig. Er ist ein Maniac, Kontrollfreak und pendelt zwischen Melancholie und Wut. Mit Worten und Klängen sucht er nach Erklärungen, einem Ausweg; dass er sich dabei unaufhörlich selbst seziert, gehört zum Spiel, wahrscheinlich auch zur Therapie. Sex, Depression, Religion, Politik waren Thema – schließlich bot Thatchers Imperium genug Angriffsfläche. Aus den Fundstücken entstanden beeindruckende Alben wie "Soul Mining" (1983), vier Jahre nach Gründung seiner Band The The, dann "Infected", das apokalyptische "Mind Bomb" und "Dusk" von 1992, schlicht, schön und fast schon versöhnlich. "Hanky Panky" (1995) entpuppte sich allerdings als misslungene Annäherung an Idol Hank Williams und hätte ihn fast ins musikalische Aus katapultiert.

Doch wieder findet er neue Musiker, die es mit dem 38-jährigen Exzentriker wagen wollen: Gitarrist Eric Schermerhorn (Ex-Iggy Pop), Bassist Spencer Campell (Ex-Kenny Rogers) und Drummer Earl Harvin (Ex-MC 900 Ft. Jesus). "Naked Self": Johnsons Gründeln nach Wahrheiten beginnt erneut. Zwölf Stücke, zerrissen und rau wie anno dazumal. Nur mühsam schälen sich seine Worte eingangs aus dichtem Gitarrengestrüpp. Erst im dritten Stück "The Whisperes" ist das Kratzen in Johnsons Kehle verschwunden und jener seltenen fragilen Zärtlichkeit gewichen, die an Jeff Buckley erinnert, und bei "December Sunlight" sowie "Weather Belle" wiederaufflammen wird. Sensible und kostbare Momente, die er gern mit schrillen und knarzenden Geräuschen zersägt. Dazwischen irrlichtern kunstvolle Arrangements, aber auch Brachialriffs und andere Hardcore-Anleihen – zwischen Verstörung und Aggression liegt ein wüstes Land. Aber: "Pain can't be your friend", singt Johnson in "Phantom Walls", auf eine neue Richtung kommt es an - "Naked Self" ist ein spannender Selbstversuch, voller Energie und schönen, zerbrechlichen Momenten.

The The – "Naked Self" (Motor Music/Universal)