Jazz-Wiederveröffentlichungen: Liebloses Back-Katalog-Geschäft
Jazz-Wiederveröffentlichungen Wenn Miles Davis zum Download verführt
"Die Musikauswahl ist erstklassig, die Verpackung unter aller Würde", ärgert sich der Moderator beim Hamburger Sender Tide-96,0. Warum? "Es gibt keine Infos!" Matthias Kolwe hat in seiner Dienstag-Abend-Jazz-Melange den Titel "Virgo" des Saxofonisten Wayne Shorter aufgelegt. Wer spielt das tolle Piano-Solo? "McCoy Tyner", kann Kolwe seinen Hörern mitteilen. Als Sammler seit Jahrzehnten besitzt er die Schallplatte aus dem Jahr 1964, von welcher der Titel stammt; mühsam hat er die Fakten recherchiert.
Aber was ist mit jüngeren Fans, mit Leuten, die weniger Zeit und Lust zum Suchen haben als der engagierte Moderator? Zu keinem der 22 Stücke auf der Doppel-CD gibt es Informationen; so ist es in allen zehn Alben der neuen Serie des Labels Blue Note. Sie wird als "das ultimativ Beste des jeweiligen Künstlers aus dem EMI-Katalog " angepriesen; aber wer neben Shorter, Herbie Hancock, Nina Simone, Miles Davis und den sechs anderen Stars auf der jeweiligen Doppel-CD spielt, ist nirgendwo dokumentiert.
Beim Wayne-Shorter-Album zum Beispiel: Neben dem erwähnten Pianisten McCoy Tyner sind auf den ersten Titeln Lee Morgan (Trompete), Reggie Workman (Bass) und Elvin Jones (Drums) dabei - alles Jazzgrößen, die erwähnt werden müssten, zumal sie bei Soli glänzen. Denn anders als Pop ist Jazz weitgehend Kollektivmusik und folglich sind die Mitspieler der Stars mehr als Begleitmusiker. Zu loben wäre die Klangqualität der digitalisierten, über 40 Jahre alten Aufnahmen. Und die Auswahl der Stücke gibt einen guten Überblick über Wayne Shorters Wirken vor seiner Zeit mit Miles Davis und seiner Jazzrock-Band Weather Report.
Miles Davis - immer wieder neu verpackt
Wiederveröffentlichungen aus den Back-Katalogen sind für die großen Firmen eine sicherere Bank als Neuproduktionen mit Nachwuchstalenten. Sie kosten weniger, und bekannte Namen verkaufen sich besser. So wird Miles Davis immer wieder in verschiedener Verpackung auf den Markt gebracht.
Der 1991 verstorbene Trompeter war - neben Charles Mingus und Dave Brubeck - dabei, als Columbia/Sony vor drei Jahren die Serie "1959 - Jazz's Greatest Year" anbot. Für die 2011 erschienene Universal-Zusammenstellung "50 Jahre Impulse" fungiert John Coltrane als Zugnummer. Die beiden Serien sind liebevoll aufgemacht und liefern den Fans alle notwendigen Informationen. Das gilt auch für acht Boxen des Warner-Konzerns, die je fünf Reproduktionen von Platten des Labels "Atlantik" aus den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts enthalten.
Im Oktober bringt Warner nun zwei weitere Folgen dieser "Original Album Series" heraus: das Modern Jazz Quartet und - dreimal darf man raten - Miles Davis. Doch während die Box mit dem Modern Jazz Quartet die ursprünglichen Liner Notes, und damit Angaben über alle Mitwirkenden enthält, fehlen sie in der Miles-Davis-Ausgabe. Das entwertet die sonst durchaus attraktive Box, die zwar die originell gestalteten Hüllen von fünf Langspielplatten zeigt und die Titel aller Stücke verzeichnet, nicht aber die Namen der Bandmitglieder. Das ist schade und darüber hinaus vielleicht fatal für eine um ihre Existenz ringende Branche. Denn im Zeitalter des Internets müssen Alben den Jazzfreunden optisch und inhaltlich etwas bieten, was beim (legalen und illegalen) Herunterladen nicht zu bekommen ist.
Wenn die Plattenfirmen das nicht beherzigen, wird der Tonträger-Umsatz weiter zurückgehen.
"The Ultimate". Wayne Shorter, Miles Davis, Herbie Hancock, Nina Simone, John Coltrane, Count Basie, Thelonius Monk, Horace Silver, Chet Baker, Art Blakey - insgesamt 10 Doppel-CDs (Blue Note);
"Original Album Series". Miles Davis, Modern Jazz Quartet - zwei Boxen mit je fünf CDs (Warner). Ab 5. Oktober.