The Walkabouts: Von Brel bis Blumfeld - DER SPIEGEL
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The Walkabouts Von Brel bis Blumfeld

Eigentlich wollten sich Chris Eckman und Carla Torgersen, die beiden Köpfe der US-Band The Walkabouts, nur ein paar Songs für ihre neue Platte leihen. Herausgekommen ist ein ungewöhnliches Album voller Coverversionen europäischer Künstler.
Von Birgit Fuß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es in Seattle wieder einmal seit Tagen regnet und all seine Rockstar-Freunde auf Tournee sind, nimmt bei Chris Eckman die Sehnsucht überhand. Dann sucht sich der Kopf der Walkabouts irgendeinen Grund, um nach Portugal zu fliegen. Manchmal kommt seine Frau Carla Torgersen mit, um zusammen mit ihm Ideen für das nächste Walkabouts-Album zu sammeln. Oder für das nächste Chris&Carla-Album. Oder um einfach Urlaub zu machen.

Der Hang zum Faulenzen ist Eckman dagegen gar nicht gegeben. Er produziert lieber nebenbei mal schnell eine heimische Band. Mit "Train Leaves At Eight" haben die Walkabouts nun zum zweiten Mal nach "Satisfied Mind" ein Album voller Coverversionen aufgenommen, diesmal allerdings ein ganz besonders: Die gecoverten Bands und Künstler stammen ausnahmslos aus Europa ­ Jacques Brel, Mikis Theodorakis und Blumfeld gehören zu den Auserwählten. Die Idee kam Chris und Carla, als sie gerade über ein ganz anderes Projekt nachdachten. Ursprünglich sollten dEUS und Midnight Choir den beiden einen Song für das nächste Chris&Carla-Album schreiben, aber schließlich entschieden sie sich dafür, einfach schon vorhandene Lieder der beiden Bands aufzunehmen. "Und weil beides europäische Bands sind, entstand aus einer nächtlichen Diskussion dann der Gedanke, ein ganzes Album mit europäischen Covers zu machen", so Chris.

Die Walkabouts haben viele Freunde in Europa, und nachdem bekannt wurde, was sie planen, wurden sie mit Tapes und CDs zugeschüttet, verbrachten aber auch Tage vor ihren CD-Regalen. Von Anfang an war ihnen klar, dass sie Françoiz Breuts "Everyone Kisses A Stranger" und dEUS' "Wake Me Up Before I Sleep" aufnehmen würden. Den Lluis-Llach-Song "Silenci" entdeckten sie dagegen erst eine Woche, bevor sie ins Studio gingen. Aber spontanes Arbeiten ist der Band inzwischen sowieso am liebsten. Gerade mal 18 Tage haben sie gebraucht, um "Train Leaves At Eight" aufzunehmen.

Da Eckman laut Eigenaussage bei Cover-Platten "ein bisschen weniger neurotisch" ist und "etwas relaxter", entstanden die neuen Versionen oft bei entspannten Jams mit Kollegen wie Scott McCaughey und Peter Buck (R.E.M.), den Eckman besonders schätzt: "Ich kenne ja seine Schlafgewohnheiten nicht, aber er ist sehr großzügig mit seinem Arbeitseinsatz. Außerdem ist er furchtlos. Er hat keine Angst, Instrumente auszuprobieren, die er nicht kennt. Diesmal hat er es mit einem schwedischen Instrument namens Nyckelharpa probiert. Er hatte damit noch nie gespielt, aber er hat ihr einige großartige Töne entlockt."

Hin und wieder befürchtete das Quintett aus Seattle, einen Song doch etwas zu abweichend vom Original gespielt zu haben, aber letztlich muss ein gutes Lied auch einer Neuinterpretation standhalten, zumal einer sensiblen. Dennoch ist Eckman froh, dass die meisten der gecoverten Lieder noch nicht auf der ganzen Welt berühmt sind. "Das gab uns mehr Raum zum Manövrieren und Interpretieren. Wären die Songs bekannt gewesen, hätten wir noch mehr Druck gehabt." Er überlegt kurz, ob er sich ausnahmsweise ein bisschen selbst loben soll und wagt es dann: "Wir haben viele Lieder gedehnt und verformt, aber zerbrochen haben wir, glaube ich, keines."

Schwierigkeiten gab es allerdings zur Genüge. So brachte der Blumfeld-Song "So lebe ich" Carla fast zum Verzweifeln. Zwar spricht sie recht gut Deutsch, doch die "verschiedenen Sinnschichten" waren etwas zu schwer zu übersetzen. So ließ sie einfach die politischen Verse weg und die romantischen übrig. Auch Chris hatte es nicht immer leicht. Der ehemalige Englischlehrer stand vor einem schier unlösbaren Problem: "Wenn zum Beispiel eine Zeile in portugiesisch sechs Wörter lang ist und in englisch nur vier, was macht man dann mit den anderen beiden Wörtern? Die Melodie passt nicht mehr. Man muss einfach Wörter dazu erfinden. Der Schriftsteller Paul Auster sagte mal, dass die besten Übersetzer von Poesie selbst Poeten sind. Man darf keine Angst haben, das Original hinter sich zu lassen und Neuland zu betreten." Ein gutes Ohr schadet dabei natürlich auch nicht.

The Walkabouts: "Train Leaves At Eight" (Glitterhouse)