Thomas D Die Hürden der Harmonie
Vielleicht ist er nur ein großer Spinner. Auf jeden Fall ist ausgerechnet der ehemalige Friseur Thomas Dürr von den Fantastischen Vier eine markante Persönlichkeit in der an schillernden Figuren nicht gerade reichen Szene. Denn deutscher HipHop boomt seit Jahren wie verrückt, aber seine vielen Vertreter schaffen es kaum aus der Genrenische heraus. Sie haben Hits für die Jahresrückblicke der Musikmagazine, sind so aufgeräumt, korrekt und etwas langweilig wie der Stuttgarter Freundeskreis, wollen partout keine Popstars werden wie Hamburgs Absolute Beginner oder machen - wie die Fünf Sterne deluxe - deftigen Spaß für die Dauer, in der die jeweilige Platte in den Verkaufsregalen der Discounter steht. Und tauchen dann wieder ab.
Thomas D aber taucht seit Jahren immer wieder in den Schlagzeilen der Boulevardpresse auf. Lässt sich den Schädel rasieren und auf die Schultern einen riesigen Blitz tätowieren, den er im Fernsehen präsentiert und mit nacktem, verschwitztem Oberkörper bei Konzerten. Löst öffentlich seine Wohnung auf und versteigert seine Plattensammlung, um sich befreit mit einem Wohnmobil auf der Suche nach sich selbst zu begeben. Und verknallt sich dann für 48 Stunden in das Partyhuhn Jenny Elvers, damals noch Freundin von Heiner Lauterbach, der dem schmächtigen Rapper deshalb Prügel androht. Thomas D lehnt sich im Sessel zurück und kichert: "Da bin ich vom Weg abgekommen, das war nur ein kleiner Ausflug."
Wo er als Mensch mal ankommen will, formuliert der schwer sympathische Schwabe mit dem Gebrauchsvokabular aus dem spiritistischen Erlösungsrepertoire aller Sinnsuchenden und Zivilisationsmüden. "Ich arbeite stark an meinem Bewusstsein und pflege meine Intuition, damit auch der Bauch eine Sprache hat, nicht nur der Verstand alles lenkt." Die "Abteilung Wohnmobil" sei abgeschlossen, für seine jetzt "innere Suche" hat Thomas D sich mit acht Leuten auf einen Bauernhof in der Eifel niedergelassen, mit Musikstudio, Computern und großer Küche, wo "wir kreativ an der Revolution der Harmonie arbeiten", die vielmehr ein Revival des Hippietums ist.
MARS, eine "Moderne Anstalt rigoroser Spacker", nennt sich die WG, die er weniger als Warholsche Factory ("Ich weiß gar nicht, wie das bei Warhol war") begreift, eher wie die "Kommune 1". Thomas D sieht kein Fernsehen, liest kaum Zeitungen, dafür viele Bücher. Er hat sich die krausen Barthaare am Kinn geflochten wie ein Druide und salbadert mit tiefer Überzeugung von "Lösungswegen und Ausdrucksformen, wie man Zufriedenheit erreichen und erleben kann." Manchmal, sagt er, war er schon ganz dicht davor, für sich selbst und andere "ein Lebensgefühl manifestieren zu können".
Das vorläufige Manifest heißt "Lektionen in Demut", sein zweites Soloalbum, auf dem der Rapper zunächst in einer ganz anderen Gestalt auftritt. Er schlüpft in die Kunstfigur Reflektor Falke, ein Comic-Held aus Mensch und Vogel. Weil er schwarz sieht für die Welt, wenn sich nicht bald etwas und alles ändert, hat Thomas D um diese Alter-ego-Mutation herum ein düsteres Szenario entworfen, mit dem er ein kathartisches Licht stiften will.
Wie bei einem Hörspiel erzählen die zwölf Songs episodisch von der Apokalypse "Auf dem Planeten des ewigen Regens", so ein Titel. Um den Erdenmenschen die Folgen ihres verseuchten Strebens nach Fortschritt und Bequemlichkeit vorzuführen, "habe ich eine künstliche Welt erschaffen, in der es krasser abgeht, damit man mal das Armageddon spürt. Man muss ja nicht unbedingt Esoteriker sein, um unseren Planeten als Ganzes zu begreifen. Der Müll, den du vor der Tür abstellst, häuft sich nicht in deiner Straße. Aber er häuft sich." Thomas D ist Esoteriker.
Unterlegt sind die "Lektionen in Demut" mit monotonen Mollklängen, die schon in den Songs "Krieger" und "Millionen Legionen" das lockere Pop-Gerüst der Fantas gesprengt hatten. Ein Klangmonolith, der an die pathetisch-opulenten Konzeptalben von Alan Parson statt an HipHop gemahnt. Da dräuen düstere Keyboardschwaden, schwere, langsam Bässe und unwirtliche elektronisch Effekte, heben beschwörende Choräle und kryptisches Geraune an. "Ich sehe deine Lebenslügen/... Auf der Suche nach Vergnügen", geißelt er mit sakral-mahnendem Sprechgesang, sieht "keine Zukunftsvisionen mehr/ Hat die Jugend keine Rebellen mehr, kaum erwachsen, schon keine Idole mehr?" und fordert "Willst du ein Held sein, dann tritt für die Welt ein/ Lass die Liebe wieder Spiegel deiner selbst sein".
Das ist schön und gut und auch nicht falsch, aber mehr eine Mängelliste als dialektisch durchdachte Reflektion. "Der Reflektor Falke ist auch ein tragischer Held", erklärt Thomas D. "Er hat keine Superkräfte, um die Dinge zu verändern, sondern ist eine Art Berichterstatter, der die Welt von oben sieht und damit die Auswirkungen deutlicher als die Menschen selbst. Er hält ihnen einen Spiegel vor, und durch sein Reflektordasein sieht sich jeder in ihm so, wie er wirklich ist. Das macht einen natürlich nicht nur glücklich, denn viele Menschen wollen ja gar nicht sehen, wie sie wirklich sind. Und ich habe ja auch nur meine Texte, um den Leuten etwas erzählen zu können. Handeln müssen sie selbst."
Dass er beklagt, es gäbe "kaum noch jemanden im Entertainment, der eine Aussage hat", sich selbst aber hinter einer bizarren Rolle versteckt, "weil das für mich als Thomas D zu heftig wäre", reflektiert wiederum die Widersprüche in seiner ehrlichen, tiefen Sehnsucht. Er beweint "den Schmerz, den der Mensch den Tieren und der Natur" zufügt, grübelt über eine "neue Definition von Heldentum, weil man auch für Gerechtigkeit nicht morden darf" und will Verantwortung zeigen, mag sich aber nicht für eine Gruppe oder Partei engagieren, "weil mich das vereinnahmen und auf die Credibility gehen" würde. Erst in drei Jahren wolle er vielleicht in die Politik gehen. Und grün ist er ja jetzt schon.
Bis dahin appelliert der Eiferer an den Einzelnen, im Alltag sein "Ego zurückzunehmen" und mehr "Menschlichkeit und Miteinander" zuzulassen. Natürlich weiß er, dass mancher erwidern könnte, er habe es als privilegierter Künstler ja einfach, so auf einem Gehöft zu hocken und zu labern. "Aber ich denke, dass es gerade deshalb meine Pflicht ist, anderen Mut zu machen, ihnen die Sonne zu zeigen, auch wenn ich übers Ziel hinausschieße."
Das mit dem Ego müssen wir natürlich noch üben. Dass Thomas D zwar eine Freundin hat, die aber nicht in seinem Eifel-Elfenbeinturm leben darf, "da ich viele Freiheiten brauche und nicht der Typ bin oder noch nicht so weit, mit einer Frau zusammenzuleben", wäre nach den Prinzipien seiner Demutslektionen zumindest diskussionswürdig.
Thomas D: "Lektionen in Demut" (Four Music/Columbia/Sony Music), veröffentlicht am 9. Mai 2001