Towa Tei: Japaner mit Zigeunerblut - DER SPIEGEL
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Towa Tei Japaner mit Zigeunerblut

Der japanische DJ und Produzent Towa Tei versucht stets, am Puls der Zeit zu bleiben. Als es ihm in New York zu langweilig wurde, kehrte er nach Tokio zurück und nahm ein neues Album auf, das zum musikalischen Trip durch die Stilvielfalt des vergangenen Jahrhunderts wurde.
Von Holger Erdmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Spätherbst 1990 tauchte die bis dato unbekannte Band Deee-Lite mit dem Song "Groove Is In The Heart" weltweit in den Top Ten der Hitparaden auf. Das Trio, bestehend aus der Amerikanerin Lady Miss Kier, dem russischen Super DJ Dmitry und dem japanischen DJ Towa Tei, wurde schnell zum Inbegriff innovativer Dance Music. Nach nur zwei Jahren stieg Tei aus, weitere vier Jahre später war der überdrehte Spaß endgültig zu Ende. Während Kier und Dmitry gegen Ende der neunziger Jahre in der Versenkung verschwanden, bastelte Towa Tei weiterhin erfolgreich an seiner musikalischen Mission: "Meine Musik soll dich auf eine Reise nehmen", sagt er. "In die Zukunft, in die Vergangenheit oder in die Unendlichkeit in dir selbst."

Mit seinen bisherigen Solo-Alben "Future Listening" (1995) und "Sound Museum" (1998) zeigte Towa Tei, dass er sich um stilistische Beschränkungen ebenso wenig kümmert wie um musikalische Kategorien. Alles, was gefällt, ist auch erlaubt. Das, so Towa Tei, gelte nicht nur für ihn, sondern für viele japanische Künstler. "Natürlich gibt es auch in Japan verschiedene Musik-Szenen, aber die sind nicht so voneinander abgeschottet, wie ich es aus New York kenne. In Tokio kann es durchaus passieren, dass ein DJ einen Heavy-Metal-Sänger zur gemeinsamen Platten-Produktion einlädt."

Acht Jahre lebte Towa Tei in New York, 1995 kehrte er in die japanische Hauptstadt, seine Heimat, zurück. "New York langweilte mich, ich hätte blind ins Studio gefunden. Außerdem war meine Frau schwanger und unser Sohn sollte nicht in New York aufwachsen müssen. Als ich Tokio Ende der Achtziger verließ, war es dort sehr konservativ. Aber in den letzten Jahren hat sich eine enorm kreative Szene herausgebildet." Vor einem Jahr dann tauschte Towa Tei seine Tokioter Wohnung gegen ein Haus am Ozean ein - wegen der Umweltverschmutzung und weil das Leben in der Metropole seinen Reiz verlor. "Es wurde Routine und die hasse ich. Ich hab' wohl Zigeunerblut in meinen Adern."

Das neue Album "Last Century Modern" nahm Towa Tei bereits Ende 1998 auf. Erneut führt Tei scheinbar spielerisch zusammen, was angeblich nicht zusammen gehört. Federnder Siebziger-Jahre-Discogroove wird mit Rap kombiniert, der dann wiederum von Soul-Gesang abgelöst wird. Eine Art französischer Chanson wird mit elektronisch verfremdeten Wortfetzen unterlegt, Kindermelodien kollidieren mit harten New-Wave-Beats und Drum&Bass trifft auf Jazz-Vocals. Damit nicht genug: House-, Latino- und Easy-Listening-Einflüsse - eben alles, was im "last century" so modern war, gehören selbstverständlich ebenfalls zum Klang-Kaleidoskop des Musik-Bastlers.

Der Japaner ist inzwischen 37, aber er hat nichts von seiner kindlichen Neugier nach immer neuen Klang-Kombinationen verloren. Auf "Last Century Modern" gelingt ihm ein opulenter Stilmix, der sich in der Umsetzung jedoch durch minimalistische Eleganz auszeichnet.

Towa Tei: "Last Century Modern". (Eastwest Records)