US-Band Train Das gewisse Nichts
Doch, gerade gestern in Stockholm hätten sie noch mal ein Club-Konzert gespielt, erinnert sich Gitarrist Rob Hotchkiss, "da waren nur so 400 Leute". Sein Kollege Jimmy Stafford hat etwas genauer hingeschaut: "700 passten da rein, und es war voll." Egal, sagt Rob, "mir kam es ziemlich klein vor." Sie sind mittlerweile eben die großen Hallen gewohnt - Rob, Jimmy und ihre Kollegen von Train. Denn seit die Single "Meet Virginia" 1999 zum großen Sommerhit in den USA geriet, gelten die fünf Jungs aus San Francisco mit ihrem eingängigen Mainstream-Rocksound als kommende Superstars.
Mit ihrer aktuellen CD "Drops of Jupiter" haben sie das Kunststück fertig gebracht, gleich in fünf verschiedenen Kategorien für einen Grammy nominiert zu werden, jener amerikanische Musikpreis, der Ende Februar in Los Angeles verliehen wird. Bestes Album, bester Song des Jahres mit dem Titelstück, bester Rock-Song, beste Live-Performance, bestes Arrangement - viel mehr geht eigentlich nicht. Wichtigste Konkurrenten in den meisten Sparten sind allerdings U2, und nachdem Rob Hotchkiss und Jimmy Stafford einen Moment lang etwas versonnen aus ihrem Münchner Hotelzimmer hinaus in den Englischen Garten geschaut haben, geben sie zu, dass sie tatsächlich befürchten, Bono & Co. könnten die meisten Trophäen abräumen. Nicht, dass das gerecht wäre, aber "wir müssen U2 wohl erst mal in den Hintern treten und ihnen die Dinger klauen, wenn wir unsere Grammies haben wollen", sagt Rob und lacht.
Doch immerhin stehen Train ja auch erst am Anfang ihrer Karriere, gibt Jimmy zu bedenken, und außerdem sei U2 wirklich eine große Band, nein, "das sind die Allergrößten, die haben sich nie selbst kopiert und immer großartige Platten abgeliefert. Genau da wollen wir auch hin." Kein Zweifel, so berühmt zu werden wie eine der berühmtesten Bands aller Zeiten, das muss für Train das Ziel sein, und keinen Deut weniger. "Eigentlich dachten wir, dass ein mit Platin ausgezeichnetes Album der Erfolg überhaupt sein würde", hat Rob Hotchkiss in einem früheren Interview mal gesagt, "aber als wir die erste Million CDs verkauft hatten, haben wir gemerkt, dass wir die Messlatte viel höher legen müssen".
Noch allerdings feiern sie ihre Erfolge hauptsächlich in den USA und Australien, auch in Großbritannien liefen die Konzerte hervorragend, aber im Rest von Europa, speziell in Schweden oder Deutschland, meint Rob etwas verständnislos, "müssen wir uns die Leute anscheinend erst noch erspielen." Was bedeutet, dass man statt vor 30.000 Fans, wie bei Open-Air-Festivals in Kalifornien, zunächst einmal auch vor 700 Besuchern auftreten muss - wie im Münchner Metropolis, wo Train am Donnerstagabend ihr erstes Konzert in Deutschland gaben, sieht man von einem inoffiziellen Test-Gig in Hamburg letztes Jahr einmal ab.
Auch das vergleichsweise kleine Publikum feierte die Band zum Teil begeistert, doch vom Debüt blieb bei manchem Beobachter genau jener Eindruck haften, den zahlreiche Kritiken aus den USA bereits in den vergangenen Jahren vermittelt hatten: Da steht eine solide Band auf der Bühne, die eine ganze Reihe absolut radiotauglicher Mainstream-Rock-Nummern und Balladen produzieren kann - ansonsten aber vor allem über das gewisse Nichts verfügt.
Es bleibt einfach wenig hängen von all den auf den ersten Eindruck mitreißenden Songs wie "Let It Roll", "Drops Of Jupiter" oder "She's On Fire". Dass die Beatles-Coverversion "Come Together" am Ende weitaus faszinierender erschien als das ganze Programm zuvor, ist bezeichnend.
Sind Train also doch, wie viele vermuten, nur eine überdurchschnittliche Rockband, die sich auf die Spuren von Foreigner oder Grand Funk Railroad schiebt, ohne viel Eigenes zu bewegen? Rob Hotchkiss und Jimmy Stafford sehen das natürlich ganz anders. "Ich glaube", meint Rob, "dass manche Leute immer nach einem bestimmten Gimmick bei uns suchen. Aber der Gimmick sind die Songs. Wir kommen vom Classic Rock und schreiben einfach gern hervorragende Songs. Das ist alles." Jimmy dagegen verweist schon mal auf die Zukunft: "Man kann uns erst nach fünf Jahren und drei weiteren Alben richtig beurteilen. Der Train wird nicht stehen bleiben. Wir werden uns noch in Richtungen weiter entwickeln, über die wir in ein paar Jahren staunen, und von denen wir jetzt noch gar nichts wissen." Das wäre gut.
Train: "Drops Of Jupiter" (Columbia/Sony Music), veröffentlicht am 27. Juli 2001