US-Castingstar Daughtry: Dickkopf siegt - DER SPIEGEL
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US-Castingstar Daughtry Dickkopf siegt

Man muss in Casting-Shows nicht unbedingt gewinnen, um hinterher Karriere zu machen: Chris Daughtry wurde bei "American Idol" nur Vierter, hat aber einen Stammplatz in den Charts und wird als Rock-Hoffnung gefeiert. Gestern Abend war er der große Gewinner der American Music Awards.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Christopher Daughtry ist ziemlich genau der Typ, den eine Mittelstands-Mutter aus dem amerikanischen Mittelwesten ihrer Tochter als Ehemann wünscht. Er hat ein freundliches Gesicht, er sieht aus, als könne er zupacken, ohne dabei blaue Flecken zu hinterlassen und als habe seine Familie unter ihm keine wirklich großen Sorgen zu befürchten. All dies war auch seine Lebenswirklichkeit, als Daughtry noch als Verkäufer bei Wal-Mart sich, seine Frau, deren Kind aus erster Ehe und zwei gemeinsame Sprösslinge durchbrachte. Inzwischen besitzt der Mann eine weitere Qualität, die ihn noch ein bisschen attraktiver macht: Er ist reich und berühmt. Teller hat er dafür aber nicht gewaschen.

Seit er 16 ist, singt Daughtry aus purem Spaß in diversen Bands, zehn Jahre später meldete er sich für "American Idol" an, dem US-Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar". Der Dieter Bohlen in der US-Jury heißt Simon Cowell, ist britischer A&R-Manager der Sony BMG, und will Daughtry wegen einer Coverversion des Box-Tops-Hits "The Letter" frühzeitig nach Hause schicken. Seine Kollegen jedoch, die Popstars Paula Abdul und Randy Jackson, geben dem jungen Mann eine zweite Chance. Am Ende aber scheidet er kurz vor dem Finale aus, landet auf dem undankbaren vierten Platz.

"Danach", sagt Daughtry in Interview, "kamen die ganzen schlauen Berater und Strippenzieher bei mir an und empfahlen mir, es als Popstar zu versuchen. Ich bin aber kein Popstar, ich bin Rocker." Dabei schlägt er kurz sein Glas mit Cola Light auf den Tisch und lächelt gleich wieder. "Ich hatte meine eigenen Vorstellungen, und mit denen ging ich, ein bisschen auf Krawall gebürstet, zur Plattenfirma. Ich hatte mir schon etliche Flüche ausgedacht, mit denen ich deren Ablehnung belohnen wollte." Seine Verbal-Injurien brauchte er jedoch nicht einzusetzen, die Firma segnete alle seine Ideen ab und suchte ihm eine Band. Dass er sich auch das etwas anders vorgestellt hatte, sagt Daughtry heute lieber nicht mehr.

Am 21. November 2006 erschien dann sein Debüt-Album in den USA, reichlich originell "Daughtry" betitelt. Die nächsten Monate addierten einen Superlativ zum anderen. Die CD rangiert seither beinahe durchgängig in den Top-Positionen der Billboard-Charts und verkaufte sich bisher mehr als drei Millionen Mal. Es ist die erfolgreichste Platte des Jahres auf dem amerikanischen Markt. Seit wenigen Tagen ist es auch in Deutschland erhältlich.

Die US-Kritiker hielten sich bedeckt, was Daughtrys Album und seine Erfolgsgeschichte betrifft. Das könnte daran liegen, dass er mit seiner Band kaum mehr als jenen langweiligen, aber sehr eingängigen Mainstream-Rock abliefert, den man von etablierten Kollegen wie Nickelback, 3 Doors Down oder Matchbox Twenty kennt. Das brachte ihm immerhin gleich drei der begehrtesten Musikpreise Amerikas ein: Gestern Abend wurde er in Los Angeles bei der Verleihung der American Music Awards als Aufsteiger des Jahres und als bester zeitgenössischer Musiker geehrt. Das Album "Daughtry" bekam die Auszeichnung als bestes Rock-Pop-Album.

Das Besondere an Chris Daughtry: Anders als die meisten anderen Teilnehmer von "American Idol" setzt er nicht auf Schmonz-Balladen, sondern auf einigermaßen geraden Rock - ein Rezept, mit dem auch schon Daughtrys Casting-Kollegin Kelly Clarkson eine beispiellose Karriere von der TV- zur Grammy-Gewinnerin hinlegte. "Only in America" könnte man zu dieser Adelung von Fernsehgeschöpfen sagen, denn in Deutschland hat es so einen Fall bislang noch nicht gegeben.

Wer immer an Dieter Bohlen oder anderen "DSDS"-Entscheidern vorbei sein eigenes Süppchen zu kochen suchte, ist grandios auf die große Schnauze gefallen. Andererseits: Wer ohne Widerworte gegen die mächtigen Mentoren blieb, wurde irgendwann eben doch fallen gelassen. Einen Alexander Klaws wird nächstes Jahr kaum noch jemand kennen hierzulande, komische Figuren wie Daniel Küblböck wachsen entweder nach oder werden gar nicht erst vermisst. Mark Medlock, Bohlen-Liebling und jüngster "DSDS"-Gewinner, muss sich im Pressetext seines demnächst erscheinenden zweiten Albums ernsthaft als "Underdog" beschreiben lassen. Und wer war gleich nochmal Tobias Regner?

Chris Daughtrys Erfolg lässt jedoch hoffen, dass es auch den deutschen Casting-Opfern besser ergehen könnte. Am Freitag dieser Woche veröffentlicht Max Buskohl das erste Album seiner Karriere. Der 17-Jährige, einer der großen Favoriten der letzten "DSDS"-Staffel, wollte sich den Regeln der Show nicht beugen und stieg trotz bester Chancen auf den Sieg aus der Sendung aus, um mit seiner Rockband Empty Trash weiterzumachen. Das Debüt-Album "Confession" erscheint nun nicht bei der "DSDS"-Firma SonyBMG, sondern beim Konkurrenten EMI.

Buskohl sieht nicht unbedingt aus wie der Schwarm amerikanischer Schwiegermütter, aber zumindest musikalisch hat der Teenie-Schwarm seinem US-Vorbild einiges voraus: Sein frischer Punk-Sound hat mit gut abgehangenem Mainstream-Rock nicht viel zu tun. Vielleicht klappt's ja doch noch mit dem Superstar.

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