US-Rapper und "Katrina" Ein Sturm des Protests
"Ich habe niemanden mit einem gestohlenen Fernseher gesehen. Ich habe nur Menschen gesehen, die nach Nahrung und Wasser für ihre Kinder suchten. Glauben sie mir: Wenn ich jetzt in New Orleans wäre, würde ich mir auch nehmen, was ich brauche." HipHop-Superstar Diddy ist sauer. Wie viele afroamerikanische Stars aus Musik, Film und TV empört er sich über die Berichterstattung der US-Medien nach der Hurrikan-Katastrophe.
Seine Kritik: In den Darstellungen sei nur von außer Kontrolle geratenen schwarzen Gangs die Rede, die plündernd, mordend und vergewaltigend durch die Stadt zögen. Gleichzeitig entschuldige man die wenigen weißen Opfer des Sturms, die sich in Supermärkten illegal mit Lebensmittel eindeckten. "Black people loot, white people find" - Schwarze plündern, Weiße finden etwas - so bringt ein Eintrag in einem Internet-Blog auf den Punkt, was seit Tagen in der schwarzen Bevölkerung der USA heftig diskutiert wird.
Nahezu 70 Prozent der Einwohner von New Orleans sind Afroamerikaner, fast die Hälfte von ihnen lebte schon vor dem Hurrikan unterhalb der Armutsgrenze. Als die Behörden sie aufriefen, die Stadt zu verlassen, reagierten viele nicht, weil sie entweder kein Auto besaßen oder das Geld für eine Flucht per Bahn oder Bus nicht aufbringen konnten.
Auch die viel zu langsam angelaufenen Hilfsaktionen der Regierung führen viele Prominente inzwischen auf die ethnische Zugehörigkeit der meisten Opfer zurück. "George Bush interessiert sich nicht für Schwarze", sagte der gerade mit drei Grammys ausgezeichnete Produzent und Rapper Kanye West völlig unverblümt bei einer Charity-Show im US-Fernsehen.
Im Ernstfall kümmert sich niemand um uns, so denken viele afroamerikanische Bürger von New Orleans - und das nicht erst seit der Katastrophe. Im letzten Jahr führte ein Team von Wissenschaftlern in einer der ärmsten Gegenden der Stadt folgendes Experiment durch: Man feuerte 700 Schuss Munition ab, an einem einzigen Nachmittag. Kein einziger Bewohner rief die Polizei an.
Die Mordrate in New Orleans ist zehnmal so hoch wie im Rest der USA, im Rekordjahr 1994 kletterte die Zahl der Opfer auf über 400. "Waren sie schon mal in New Orleans außerhalb der Bourbon Street?", fragte der Komiker und Schauspieler Chris Rock in einem Interview rhetorisch. "Diese Viertel waren schon vor dem Sturm grauenvoll."
Percy Miller kommt aus einem dieser Viertel, den berüchtigten Calliope Projects. Unter seinem Künstlernamen Master P wurde er in den neunziger Jahren zum reichsten Rap-Star, den New Orleans je hervorgebracht hat, 300 Millionen Dollar soll er mit den Platten, Filmen und Modekollektionen seiner Firma "No Limit" verdient haben.
Schon einen Tag nach dem Sturm gründete Miller eine provisorische Organisation, "Rescue One", die besonders den Menschen in seinem Heimatviertel helfen soll: "Ich spende Geld aus meiner eigenen Tasche für Nahrung und Kleidung, spreche aber auch große Firmen wie Pampers an, die Produkte herstellen, die jetzt dringend gebraucht werden", erklärte er der Agentur AP.
Auch Bryan Williams, der zweite millionenschwere HipHop-Unternehmer der Stadt, stammt aus einem Elendsviertel, den Magnolia Projects im Norden von New Orleans. Anfang der Neunziger gründete er mit seinem Bruder die Plattenfirma Cash Money Records und machte ausgerechnet in einer der ärmsten Metropolen der USA die hemmungslose Zurschaustellung von Reichtum zum Markenzeichen. Auf Reisen trug Williams immer 100.000 Dollar in bar bei sich, ein eigens angestellter Bodyguard kümmerte sich um seine extravaganten Juwelen, deren Prunkstück eine Halskette im Wert von angeblich drei Millionen Dollar war.
Den inzwischen im Oxford Dictionary verzeichneten Slang-Begriff für diese protzige Art von Schmuck hat der "Birdman", so sein aktuelles Pseudonym, mitgeprägt: "Bling Bling" war 1999 der Titel eines Songs des Rappers B.G., der bei Cash Money Records unter Vertrag stand.
Jetzt, da der ganze Luxus weggespült ist, will Bryan Williams jene unterstützen, die ihm einst zu seinem Vermögen verhalfen - gemeinsam mit Percy Miller, der noch letzte Woche sein größter Konkurrent war. Vor der Hurrikan-Katastrophe sprach man kein Wort miteinander, knallharte Konkurrenz bestimmte das Verhältnis, selbst wenn es darum ging, der Community zu helfen.
Als Williams anfing, Gebäude in seinem Heimatviertel zu kaufen, um sie den verarmten Bewohnern künftig ohne Miete zu überlassen, da zog Miller sofort nach und tat das Gleiche in seiner Gegend. "Früher ging es bei uns wirklich nur um Wettbewerb, um die Vorherrschaft in New Orleans", sagt Miller jetzt. "Aber all das ist irrelevant, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten."
Inzwischen machen sich die Maßnahmen der Regierung in New Orleans bemerkbar. Doch die langen Tage ohne Unterstützung aus Washington haben tiefe Verbitterung hinterlassen. Juvenile, dank des Nummer-1-Hits "Slow Motion" der momentan erfolgreichste Rapper der Stadt, machte seiner Wut auf einer Pressekonferenz des Roten Kreuzes Luft: "Die USA kann eine Million Soldaten nach Afghanistan und in den Irak schicken. Das muss doch auch in New Orleans möglich sein, die Jungs können doch auch hier runterfliegen." Gerade weil sich die afroamerikanische Gemeinschaft in New Orleans zunächst nur selbst half, befürchten viele für die Zukunft eine noch weitere Spaltung zwischen Schwarz und Weiß.
Rock, Moderator der letzten Oscar-Verleihung und laut "New York Times" der "witzigste Mann der USA", ist die Lust am Bonmot jedenfalls vergangen. Ungewohnt ernst erklärte er "Katrina" zur Nagelprobe für das Land: "Ganz Amerika wird untergehen, wenn sich nicht wirklich alle um diese Menschen kümmern."