"Vieja Trova Santiaguera" Zweiter Frühling auf Kuba
Eigentlich müssten die fünf alten Herren von "La Vieja Trova Santiaguera" (die alten Troubadoure) auf Wim Wenders sauer sein. 1994/1995 hatte das Rentnerquintett aus Havanna das europäische Publikum mit den Klängen des Son, der Urform des Salsa, verzaubert. Mit weiteren Tourneen und CD-Veröffentlichungen bereiteten die 62- bis 87-jährigen Berufsmusiker der Afro-Kuba-Welle auf dem internationalen Popmarkt den Weg. 1996 hob Ry Cooder mit anderen kubanischen Oldstars den Buena Vista Social Club aus der Taufe, produzierte und arrangierte die gleichnamige CD, und nicht zuletzt dank Wim Wenders' Dokumentarfilm hob die Formation in den Charthimmel ab. Während das Cooder-Projekt hierzulande von seiner ersten CD weit über eine Million Exemplare verkaufte, kam die letzte Platte von "La Vieja Trova Santiaguera" auf knappe 100.000.
Doch jetzt könnte auch für die fünf alten Troubadoure die Erfolgsstunde geschlagen haben. Denn auch über sie gibt es eine Dokumentation, die am 18. Mai in den deutschen Kinos startet. "Lágrimas Negras" von Sonia Herman Dolz war bereits ein Jahr vor "Buena Vista Social Club" entstanden und ist ihm in vielen Punkten überlegen. Während sich Wenders auf die Musik und ihren Vermittler Ry Cooder fokussiert, treten bei Dolz auch die kubanischen Bandmitglieder in den Mittelpunkt: charmant-lebenssprühende Machos, von denen einer zwölf Kinder mit verschiedenen Frauen hat, phasenweise nörgelige Greise, die mit dem Knoten ihrer Fliege kämpfen, überzeugte Fidel-Castro-Fans, die seine Verdienste für die Musiker rühmen und in London das Grab von Carlos Marx besuchen. So ist eben "Lágrimas Negras" nicht nur ein Musikfilm, der sein Publikum in Rhythmus und Atmosphäre eines Son-Konzerts versetzt, er ist zugleich ein intimes Künstlerporträt. Auch deshalb, weil die holländische Regisseurin, anders als Wenders, Spanisch spricht und direkt mit den Bandmitgliedern kommuniziert.
Die Vieja Trova selbst genießt unter Kennern den Ruf, authentischer und schnörkelloser zu sein als der Cooder-Club, der mit seinem Südstaaten-Blues-Feeling bewusst nicht für ein kubanisches Publikum produziert worden war. Die Buena-Vista-Sensation beschränkt sich vor allem auf Deutschland und die USA, wo der Wenders-Streifen unerwartet erfolgreich lief. In anderen europäischen Ländern, wie etwa Holland oder Spanien, ist die Vieja Trova zumindest genauso populär. Immerhin füllen sie auch hier zu Lande längst die Hallen, wenn auch nicht die größten. Ihre neue Deutschland-Tournee, die am 19. Mai startet, wird mit der Expo-Eröffnung am 31. Mai, bei der sie als Hauptakt gebucht sind, den wohl medienträchtigsten Höhepunkt finden. Noch im April erscheint ihr neues Album "Domino".
Sinnigerweise hatte die junge Generation Kubas mit der Musik der alten Männer bislang wenig im Sinn. Das Castro-Regime hatte in letzten Jahren vor allem die heimische HipHop- und Rock-Musik gefördert, um ein Gegenstück zum US-Pop hochzuziehen. Infolge dessen war der Son aufs Abstellgleis geraten und fast nur noch in Cafés, aber nicht im staatlichen Radio zu hören. Hätte nicht ein spanischer Produzent das Vieja-Trova-Quintett bei den Dreharbeiten zu einer TV-Dokumentation über kubanische Musik gehört und sie für Plattenaufnahmen und Konzerte nach Madrid eingeladen, wäre Kuba vielleicht nie zum Kultland der World Music geworden. Neuerdings versucht auch die heimische Regierung an diesem Boom teilzuhaben und pusht die verdrängte Musiktradition. Aber wie lange halten deren Repräsentanten noch durch? Manager Martínez beruhigt: "Bei ihrer ersten Tournee sahen die Vieja Trova-Mitglieder alle älter aus als jetzt."
La Vieja Trova Santiguera, Domino (Virgin)