Vivaldi-Fund Klassischer Fall von Etikettenschwindel
Die australische Musikwissenschaftlerin Janice Stockigt fand die elfsätzige Vertonung des 110. Psalms für Solostimmen, Chor und Kammerensemble in der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek Dresden. Es handele sich bei dem Werk um den qualitativ wichtigsten Vivaldi-Fund seit etwa 75 Jahren, sagte der Liverpooler Musikwissenschaftler Prof. Michael Talbot der Nachrichtenagentur dpa.
Das "Dixit Dominus" wurde bisher dem Werk Badassarre Galuppis (1706-1785) zugeordnet. Sobald das Instituto Italiano Antonio Vivaldi nun die Echtheit des Stückes beglaubigt hat, soll es unter der Werkverzeichnisnummer RV 807 in der Vivaldi-Gesamtausgabe erscheinen. Die moderne Erstaufführung ist laut dpa für das kommende Frühjahr geplant. Der Körnersche Sing-Verein, ein renommierter Chor aus Dresden, wird das Stück dann darbieten.
Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Fund ein jahrhundertealter "Etikettenschwindel": Die berühmte Dresdner Hofkapelle habe um 1754 bei Iseppo Baldan, einem venezianischen Kopisten, eine größere Zahl geistlicher Werke Galuppis bestellt. Dessen Arbeiten waren zur damaligen Zeit sehr begehrt. Da Baldans Vorrat an Galuppi-Werken nicht ausreichte, habe er der Lieferung einige als Galuppis deklarierte Werke Vivaldis beigefügt, erklärte die Bibliothek die Verwechselung.
Der Psalm ist nicht das erste verschollene Werk Vivaldis, das nach mehreren Jahrhunderten wieder auftaucht. Schon 2003 hatte Talbot ein ebenfalls Galuppi zugeschriebenes Werk als verschollene Vivaldische Psalmvertonung identifiziert. Seit ihrer Erstaufführung 1733 bis zum Jahr 2002 galt auch die Vivaldi-Oper "Motezuma" als verschwunden. In der vergangenen Woche beendeten Düsseldorfer Richter nun einen Rechtsstreit um die Aufführungserlaubnis. Das Kulturfestival Düsseldorfer Altstadtherbst will die Oper um den unglücklichen Aztekenkönig nun ab dem 21. September zeigen.