Volkslieder: ... und alle mitsingen!
Volksliederlust ... und jetzt alle mitsingen!
Das Singen aus voller Kehle und ohne elektronische Hilfsmittel ist Ärzten Musik in den Ohren: Sie empfehlen das Stimmband-Training als effiziente Hilfe, um das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Richtiges Atmen, Entkrampfen, Spaß am Können - Singen kann so einiges bewirken. Aber da der Musikunterricht an den Schulen immer weniger wird, müssen mal wieder die Eltern ran. Der Sender SWR in Stuttgart und der Carus-Verlag glauben, die richtige Nachhilfe fürs häusliche Singen gefunden zu haben: Mit Rat (Liederbuch, Noten und CD) sowie Tat (flankierende TV- und Rundfunkaktivitäten) stehen sie den Jungkehlchen zur Seite. Seit Mitte September 2010 soll an die Erfolge angeknüpft werden, die man bereits mit der letztjährigen "Wiegenlieder"-Aktion erzielt hat.
Das Liederbuch zur Aktion ist hübsch gestaltet und sieht gar nicht verschnarcht aus: Die Bilder und Zeichnungen von Christoph Mett erinnern eher an zeitgenössische Kinderbücher und Comics als an altvordere Märchenfolianten. Sie rücken die Themen optisch näher in die Gegenwart, ohne sich platt anzubiedern. Fest gebunden ist das Ganze auch, schließlich soll der Band ja Gebrauchsgegenstand sein und etwa beim Klavierspiel nicht gleich zerfleddern. Denn das ist ja der Kern der Aktion: Singen sollen alle, Eltern mit Kindern, Kultur als Teil des Lebens. Das mag die angepeilte Zielgruppe wohl schon vorher geübt haben, aber richtig hip war Volksliedersingen nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich nie. Lieber pflegte das jüngere Bürgertum die Sauf- und Rebellenlieder der sympathischen Iren oder die Folksongs eines Pete Seeger oder Woody Guthrie. Heimisches Liedgut? Nein, danke.
Auch der Tod ist Thema
Dabei lohnt die nähere Beschäftigung mit Volksliedern durchaus: Die sind oft viel mehr als harmlose Kinderlieder - manches, was Mozart und Schubert schrieben, wurde so volkstümlich, dass niemand mehr den Komponisten hinter "Komm lieber Mai und mache" oder "Am Brunnen vor dem Tore" vermutete. Dabei gingen dann auch Subtexte und Inhalte verloren: etwa, dass es am besagten Brunnen um todtraurigen Selbstmord ging und weniger um frisches Wasser. Auch Heinrich Heines beliebte "Loreley"-Version ist kein unbeschwerter Singsang, sondern eher satirische Betrachtung und Hinterfragung von Mythengläubigkeit.
Die Lieder dieser Sammlung vereinen natürlich viel Altbewährtes, aber auch einiges Ungewohnte. "Wach auf, meines Herzens Schöne", ein Lied aus dem 16. Jahrhundert, interpretiert der hoch renommierte Lied- und Chorexperte und Dirigent Marcus Creed gemeinsam mit dem Chorensemble des SWR, und das ist nur ein Beispiel für das gute Niveau der Sammlung. Auf der CD findet man verdiente Granden wie Dietrich Fischer-Dieskau ("Der Gang zum Liebchen", mit Daniel Barenboim am Piano), aber auch jüngere Könner wie den Bayreuth-Star Michael Volle ("Muss i denn zum Städtele hinaus") oder Christoph Prégardien ("Da unten im Tale"), die sich auch nicht so bekannte Stücke vorgenommen haben. Zum Nachsingen gibt es dann ja Texte und Noten.
Wie gut sich das Ganze im Ensemble anhört, demonstrieren der Top-Chorleiter Frieder Bernius und sein gefeierter Kammerchor Stuttgart mit "O Täler weit, o Höhen". Ein Team, das zuletzt mit einer herausragenden Gesamteinspielung von Felix Mendelssohn-Bartholdys geistlichen Chorwerken seinen Beitrag zum Jubiläumsjahr des Komponisten leistete. Die sehr gut und vielseitig ausgewählten Interpreten prägen diese CD ebenso wie das Repertoire, sie entdecken hinter vermeintlich Bekanntem das Einzigartige und Besondere. Für alle, die sich weiter mit dem Sujet beschäftigen möchten, gibt es zu allen Künstlern Informationen, denn auch das Booklet zur CD trägt die sorgfältige und liebevolle Handschrift der Macher dieser Aktion.