Wagner-Interpretation: Stupsnasen-Heroine - DER SPIEGEL
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Wagner-Interpretation Stupsnasen-Heroine

Tumbe Brülltenöre, dicke Walküren: In Bayreuth ist in musikalischer Hinsicht nicht viel los. Mit den wiederentdeckten Wagner-Aufnahmen der amerikanischen Sopranistin Eileen Farrell kann man sich die Reise auf den grünen Hügel sparen.
Von Kai Luehrs-Kaiser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gibt es eine Krise des Wagner-Gesangs? Knappe Antwort: Nein. Kleine Einschränkung: In Bayreuth schon. In dieser Woche, ab dem 25. Juli, geht mit den 97. Richard-Wagner-Festspielen wieder der Deutschen liebstes Krisen-Mekka in die jährliche heiße Phase. Während die Kultur des Jammerns und die hohe Kunst der Krisendiagnostik andernorts aus der Mode gekommen scheint, darf beim größten und teuersten deutschen Festival noch nach Herzenslust gezagt und gezetert werden.

Und zwar zu Recht. Die Regisseure machen den Werken den Garaus. Die Dirigenten müssten wegen Inkompetenz jährlich ausgewechselt werden. Und die Sänger! Tumbe Brülltenöre und dicke Walküren beschwören um die Wette das Schreckgespenst eines Niedergangs der Opern-Hochdramatik. Im Bayreuther "Ring des Nibelungen" etwa, gut dirigiert von Christian Thielemann, gibt es genau zwei Weltklasse-Besetzungen: die Sieglinde der Eva-Maria Westbroek und der Hagen von Hans-Peter König (er singt auch den Fafner). Der Rest: maue Allerweltssänger, die mit den großen Jahrgängen von einst kaum konkurrieren können.

Die bekannte Tatsache, dass Bayreuth in musikalischer Hinsicht jede Deutungshoheit inzwischen aufgegeben hat, bedeutet umgekehrt: Wer gute Wagner-Sänger erleben will, wird – aufgrund eines gut sortierten Wagner-Marktes – in aller Welt besser bedient als am Hort selbst. Der Grund: Mit Wagner-Rollen ist überall außer im unterbezahlten Bayreuth so viel Geld zu verdienen, dass selbst genuine Verdi-Sänger ins Wagner-Fach wechseln. Die Folge: Die Verdi- und Puccini-Krise ist weltweit größer als diejenige des Wagner-Gesangs.

Dass es Gratwanderungen zwischen italienischem und deutschem Fach, und zwar höchst erfolgreich, schon früher gab, beweist ein jetzt erschienenes Recital einer der unbekanntesten und zugleich größten Wagner-Sängerinnen aller Zeiten. Eileen Farrell (1920–2002) wird als einer der besten Verdi-Soprane der Schallplattengeschichte allgemein bewundert. Die Tochter zweier amerikanischer Vaudeville-Sänger war aufgrund ihres leicht muttchenhaften Äußeren (mit Stupsnase) zeitlebens zurückhaltend gegenüber Bühnenauftritten. Sie bevorzugte Konzerte. Wagner-Rollen hat sie niemals auf einer Opernbühne gesungen – allerdings in etlichen Konzertmitschnitten.

Farrells lange verschollene, jetzt neu erschienene Studio-Aufnahme der Schluss-Szene aus "Siegfried" präsentiert Wagner-Gesang zum Staunen. Eileen Farrell besaß als Wagner-Sängerin ein Timbre wie milchig polierter Stahl. Als Brünnhilde gewann sie damit 1949 (unter Erich Leinsdorf) eine Weite, innere Sammlung und mitunter weich anmutende Intensität, wie man das kaum je wieder hörte. Auch Wagners "Wesendonck-Lieder" (unter Leopold Stokowski) atmen eine Tiefe, Entspannung und doch dezenten amerikanischen Glamour, in dem ferne Zeiten wiederauferstehen. Da die Toningenieure von RCA Victor über die damals besten Mikrofone der Welt verfügten, gibt es auch technisch wenig zu meckern.

Eileen Farrell selber hielt es nirgendwo lange aus. 1950 rettete sie Alban Bergs Oper "Wozzeck" (in der Rolle der Marie) handstreichartig für die amerikanische Bühne. Und ließ sofort wieder davon ab. In Gestalt ihres Albums "Gotta Right to Sing the Blues" wurde sie später die wahrscheinlich beste Jazz-Sängerin aller Zeiten, die aus der Klassik stammte. Wer Eileen Farrell nun mit Wagner hört, kann sich den Bayreuth-Besuch in diesem Jahr getrost sparen.


CDs Richard Wagner: "Wesendonck-Lieder/Siegfried (3. Akt, 3. Szene)". Eileen Farrell (Sopran), Set Svanholm (Tenor), Leitung: Leopold Stokowski/Erich Leinsdorf (1947/1949) (Testament SBT 1415).