Musiklegende Willie Nelson: Der Outlaw des Country
Willie Nelson Der Outlaw des Country
Eine der besseren Willie-Nelson-Legenden geht so: Einige Tage vor seinem 40. Geburtstag, im Frühjahr 1973, war er so schwer betrübt - und wohl auch ein wenig betrunken -, dass er sich auf einen Highway legte, auf dass ihn der nächste Truck von seinen Qualen erlöse.
So weit, so wahr - das hat Willie Nelson kürzlich in einem Interview bestätigt. Allerdings war es 4 Uhr morgens: "Eine Zeit, zu der man nicht mit allzu vielen Trucks rechnet, und als ich nach einiger Zeit auf dem Asphalt in der Ferne doch ein Motorengeräusch vernahm, machte ich mich sofort aus dem Staub."
Am 30. April dieses Jahres ist Willie Nelson 77 geworden, und von Lebensmüdigkeit und Depressionen scheint er nicht mehr geplagt zu sein. Er ist der wichtigste lebende Künstler der Country-Musik, diesem vielleicht amerikanischsten aller Musik-Genres. Die anderen Legenden George Jones und Merle Haggard sind zwar auch noch im Dienst, aber Nelson hat das Genre geprägt und verändert wie keiner von ihnen. Und er macht keine Anstalten, die Dinge etwas ruhiger angehen zu lassen.
Entstaubte Klassiker
Im Gegenteil, gleich zwei neue Nelson-Alben erscheinen nun auch in Deutschland: "Willie And The Wheel", eingespielt mit der Band Asleep At The Wheel (in den USA bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht), und das schlicht betitelte "Country Music". Beide Alben sind Liedsammlungen, in denen Nelson frische Versionen von Country-Klassikern zum Besten gibt.
Mit Asleep At The Wheel entstaubt er den sogenannten "Western Swing", covert herrlich beschwingt Songs von Großmeistern wie Bob Wills And His Texas Playboys. Mindestens so unterhaltsam ist "Country Music" geraten, das Nelson unter der Regie des grandiosen, jüngst Oscar geadelten ("Crazy Heart") Produzenten T-Bone Burnett eingespielt hat. Die beiden haben eine fabelhafte Geschichtsstunde in Sachen "Country Music" inszeniert, indem sie Songs von Legenden wie Ernest Tubb, Hank Williams und George Jones neues Leben einhauchen.
Sogar ein Nelson-Eis gibt es
Die Alben sind späte Glanzlichter in der Karriere von Willie Nelson. Eigentlich müsste der grauzopfige Texaner mindestens so populär sein wie sein alter Spezi Johnny Cash: Sein "Nightlife" gilt als meistgecoverter Country-Song aller Zeiten, auch "Hello Walls" und "Crazy" sind Über-Klassiker des Genres. Der Lohn: Sogar Eissorten sind nach ihm benannt (Ben & Jerry's "Willie Nelson's Country Peach Cobbler Ice Cream").
Nelsons Ruhm jedoch hat immer wieder darunter gelitten, dass er viel schwieriger auszurechnen war als Cash - und dass er hartgesottene Fans mit Experimenten irritierte: zum Beispiel mit Reggae-, Jazz- und Pop-Platten oder Kollaborationen mit Bob Dylan, Julio Iglesias und Snoop Dogg.
Ohnehin taten sich die Traditionalisten in Nashville lange schwer mit Nelson: Anfang der siebziger Jahre rebellierte er mit seinen Kumpanen Kris Kristofferson, Johnny Cash und Waylon Jennings gegen das vermuffte Country-Establishment und veränderte das Genre nachhaltig. Ins Country-Klischee passte Nelson, der Outlaw, nie so recht: Allein sein Bekenntnis zu vergnügtem Marihuana-Konsum entsetzt viele rechtschaffene Country-Fans.
Immerhin: Die oft beschworene Melancholie des Genres trägt der zähe Texaner in sich; er war schon bankrott und verlor einen Sohn durch Selbstmord. Im Juni wird Nelson nun einige Konzerte in Deutschland absolvieren. Die vielleicht letzte Chance, ihn auf einer Bühne zu erleben, sollte man sich nicht entgehen lassen.
CDs
Willie Nelson & Asleep At The Wheel: "Willie And The Wheel" (Proper Records);
Willie Nelson: "Country Music" (Universal);
Tourdaten
17.6. Berlin, 19.6. Stuttgart, 21.6. München. Infos:
Moderne Welt .