"YouTube Symphony Orchestra": Mäzen statt Mätzchen - DER SPIEGEL
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"YouTube Symphony Orchestra" Mäzen statt Mätzchen

Statt mit besoffenen Teenagern oder kichernden Babys präsentiert sich YouTube ab sofort als Klassik-Mäzen: Für ein hochkarätig besetztes Konzert in der New Yorker Carnegie Hall hat die Videoplattform ein eigenes Orchester zusammen gecastet. Mit dabei: der deutsche Violinist Maurice Maurer.
Von Nora Reinhardt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die meisten klassischen Musiker träumen davon, einmal in ihrem Leben in der Carnegie Hall in New York City ein Konzert zu spielen. Für den deutschen Violinisten Maurice Maurer wird dieser Wunsch Wirklichkeit. Wie es dazu kam, das ist allerdings eine ungewöhnliche Geschichte.

Denn Maurer wurde für diesen Auftritt gecastet - vom Internet-Videoportal YouTube. Deswegen können auch nicht nur die 2800 Zuschauer, die in das berühmte Isaac Stern Auditorium passen, das Konzert des YouTube Symphony Orchestras (YTSO)  verfolgen, sondern auch Hunderttausende zu Hause am Computer.

Denn das Videoportal veranstaltet das klassische Konzert selbst und zeigt es anschließend auf seiner Webseite: Unter der Leitung von Michael Tilson Thomas, im Hauptberuf Chefdirigent des San Francisco Symphony Orchestra, spielt das YTSO Werke von Wagner, Brahms und Beethoven sowie die "Internet Symphony No. 1", für die sich der chinesische Komponist und Oscar-Preisträger Tan Dun ("Tiger & Dragon") von Beethovens "Eroica" inspirieren ließ.

Um bei dieser Uraufführung des Oscargewinners Tan Dun dabei sein zu können, hatte sich der 29-jährige Maurer im Januar per Video beworben. Er schloss sich in die Düsseldorfer Clara Schumann-Musikschule ein und bastelte eine knifflige Konstruktion: Auf einen schwarzen Holzständer legte er die Noten, die er sich kostenlos von der YouTube-Homepage heruntergeladen und ausgedruckt hatte. Außerdem platzierte er sein i-Phone darauf, auf das er ein Video-Tutorial geladen hatte, bei dem Tan Dun die Einsätze gibt.

Das Problem war nur, dass Maurer nun das Stück und den Dirigenten vor sich nebeneinander liegen hatte, für einen Musiker ist das eine ungewöhnliche Perspektive. "Das hat mich irritiert. Deswegen habe ich nur am Anfang hingeschaut, und mich dann auf die Noten konzentriert", erzählt Maurer von seinem Experiment. Nachdem er sechs Versionen aufgenommen hatte, war er "ziemlich erschöpft".

Trotzdem spielte Maurer, der als Geigenlehrer arbeitet, das neue Tan-Dun-Stück bravourös - und bekam einen der begehrten Plätze in dem neu gegründeten Orchester. Er ist einer von 96 Teilnehmern aus 31 Ländern, die am Osterwochenende nach New York geflogen sind, um mit Michael Tilson Thomas zu proben. Insgesamt sind 3000 Bewerbervideos aus 70 Nationen eingegangen, darunter Videos von begabten Teenagern genauso wie von routinierten Profimusikern. Chefdirigent Thomas hatte allerdings nur drei Tage Zeit, um aus den Musikern ein wohlklingendes Ensemble zu formen.

Aufgeregt ist Maurer trotzdem nicht. Er hat vor dem Abflug nicht einmal im Besetzungsplan nachgesehen, wer sein Pultnachbar sein wird. Überhaupt ist er ziemlich gelassen, denn er spielt die zweite Geige, als Tuttist, wenn alle spielen. Der Düsseldorfer ist bereits als Solist vor 2000 Menschen im Shanghai Oriental Art Center aufgetreten, einem der größten Konzertsäle Chinas.

In New York war Maurer allerdings noch nie. Als er Anfang März die Mail bekommen hatte, dass er anreisen darf, rief er zuerst seine Freundin an. "Ich habe 'Ich war noch niemals in New York' in den Hörer gesungen. Und habe dann gesagt: Jetzt aber doch!" Seine Freundin, eine Bratschistin, wird ihn begleiten. Maurer hat sich extra einen robusten, neuen Koffer angeschafft. Seine Ahorn-Geige, die 14.000 Euro kostete, fliegt im Geigenkoffer mit, im Handgepäckfach.

YouTube bezahlt den 96 Teilnehmern Flug und Unterkunft. Gage gibt es für die Musiker keine. Dafür wird Maurer im Leparker Meridien wohnen, einem Luxushotel in der 57. Straße, in der auch die Carnegie Hall steht, und in dem ein Einzelzimmer etwa 300 Dollar pro Nacht kostet. Wie hoch die Gage der Stars Tan Dun, Michael Tilson Thomas und des "Botschafters" des Konzerts, Starpianist Lang Lang, ist, darüber hüllt sich YouTube in Schweigen. Der "New York Times" versicherten Lang Lang und Tan Dun, die Bezahlung liege nicht über der für normale Engagements. Mit den Gagen und der Miete für die Carnegie Hall dürften die Ausgaben für die Marketingveranstaltung also im sechsstelligen Bereich liegen.

Nichts, was es nicht gibt

"Wer über das Flugverhalten von peruanischen Speckkäfern referieren möchte, kann das tun", hat Schauspieler Christian Ulmen einmal in seiner Rolle als pummeliger Computerfreak Uwe Wöllner über YouTube gesagt. Denn auf der Videoplattform ist, bis auf Sittenwidriges, eben tatsächlich alles möglich - warum also nicht Klassik?

Denn auch wenn klassische Konzerte nicht unbedingt das primäre Interessengebiet der oftmals jugendlichen Nutzer sind, irgendwie muss YouTube ja sein Geld verdienen. Und mit peruanischen Speckkäfern und anderen Kuriositäten dürfte das schwer fallen.

Auch wenn der mitwirkende Komponist Tan Dun betonte, er freue sich darauf zu sehen, was "die unentdeckten musikalischen Genies auf der größten Bühne der Welt kreieren werden", so ist es doch wahrscheinlicher, dass YouTube, eine Tochterfirma des Google-Konzerns, mit der Aktion eher Geschäftsinteressen verfolgt, als das hehre Ziel, Talente zu entdecken und klassische Musik zu promoten.

Der Konzern möchte die Homepage mit dem PR-Spektakel für anspruchsvolle, zahlungskräftige Anzeigenkunden interessanter machen und das Image aufpolieren. Denn das leidet bisweilen darunter, dass die meisten Klickzahlen immer noch mit Filmchen von Sauforgien von Jugendlichen und Katzen, die aus Toilettenschüsseln trinken, bekommen - auch wenn es längst auch seriöse Inhalte wie komplette Heidegger-Vorlesungen gibt.

Klassik ist bisher eine Nische, die selten auf der Startseite auftaucht. Diese Erfahrung hat auch Maurer gemacht, der schon vor dem Wettbewerb ab und zu eigene Konzertvideos hochgeladen hatte. Sein zehnminütiges Video eines Schubert-Quartetts etwa, wurde nur 284 Mal aufgerufen, während zum Beispiel ein zweiminütiger Lachanfall eines Babys  80 Millionen Mal gesehen wurde.

Das YouTube-Typische soll aber auch in der Carnegie Hall nicht verloren gehen. Wenn Maurice Maurer mit seiner Violine Platz genommen hat, wird Lang Lang via Videoleinwand zugeschaltet und sendet seine Grüße an das "YouTube Symphony Orchester". Und, um das Konzert aufzulockern, wird eine "YouTube Video Symphony"  gezeigt. In einem vierminütigen "Best of" hat man die verrücktesten Einsendungen zusammengestellt: das klassische Stück mit einer singenden Säge interpretiert, mit einer weißen Darth-Vader-artigen Maske vor dem Gesicht gespielt, gebeatboxed oder mit einer pinkfarbenen Melodika intoniert.

Denn Klassik konventionell zu präsentieren, dass will sich YouTube wohl dann doch nicht nachsagen lassen.