MODE Mut zum Bibi
Die Princess of Wales trägt ihn beim Repräsentieren; TV-Star Joan Collins, das Biest Alexis aus dem Denver-Clan, trägt ihn beim Intrigieren. Aber auch in anderen Kreisen wagen sich Hut-Trägerinnen wieder zunehmend an die Öffentlichkeit, ja sogar auf die Straße.
Sie flanieren um den New Yorker Central Park, über die Londoner Bond Street, die Champs-Elysees und die Düsseldorfer Königsallee. Bei Partys, Premieren und Vernissagen balancieren Avantgardistinnen die neuesten Kreationen auf dem Kopf durchs Gedränge. In Luxus-Restaurants sitzen sie mit Hut und Schleier beim Essen und legen ihn nicht ab - von der Suppe bis zur Zabaione. Blätter wie die Züricher »Weltwoche« oder auch das Stadt-Magazin »New York« brachten es auf die Formel: »Der Hut ist wieder da.«
Seit einiger Zeit schon haben die Mode-Gazetten die zyklisch längst fällige Rückkehr des Damenhuts beschworen. Kaum ein Kleidermacher, der in dieser Saison bei seinen Defilees darauf verzichtete, den passenden Kopfschmuck vorzuführen. Kosmetik-Firmen wie »Revlon« oder »Estee Lauder« werben für ihre Produkte im Schatten gut behüteter Modelle.
Trotz so massiver Konditionierung erwärmten sich die Frauen nur zögernd für die Kreationen aus Filz und Stroh. Verständlich, denn zwanzig Jahre lang war der Hut als Kleidungsstück und auch als Statussymbol aus der Modeszene praktisch
verschwunden. Sogar bei Beerdigungen und Hochzeiten ging es oben ohne. Erst Leitfiguren vom Schlage der Lady Di und die Idolisierung von Hut-Heroen wie Humphrey Bogart brachen den Widerstand.
Der Umschwung kam gerade noch rechtzeitig, die marode Hut-Industrie vor dem Ruin zu retten. Von den 90 bundesdeutschen Hutfabriken, die es Mitte der sechziger Jahre gab, haben nur 20 überlebt. Für dieses Jahr rechnet die geschrumpfte Branche wieder mit einem Umsatz-Plus von 50 Prozent, verglichen mit den Zahlen von 1983 - als auch schon nicht schlecht verdient wurde.
Spezial-Geschäfte wie »Breiter« in München verkaufen »mehr Hüte als in irgendeinem der vergangenen 20 Jahre« und vergrößern ihr Sortiment. Die Stumpen-Fabriken, wo feine Haare vom Kaninchen, von Biber, Bisam und Nutria zu glockenähnlichen Vliesen verfilzt werden, haben Lieferfristen von über einem halben Jahr. Allein die Firma »Wittmer-Hüte« in Delmenhorst hat seit 1981 rund 70 000 Bogart-Hüte ausgeliefert.
Der alte Hut, den Bogart in »Casablanca« und anderswo melancholisch in die Stirn drückte, spielt eine entscheidende Rolle bei der neuen Kopf-Haltung. Ermutigt auch von Pop-Musikern wie Udo Lindenberg, Elton John und Boy George, plünderten die jungen Leute zwar erst mal Opas Kleiderschrank oder stöberten in Second-hand-Shops nach alten Borsalinos, bevor sie 50 Mark vom Taschengeld für einen neuen abzweigten. Die Hut-Hersteller profitierten dennoch von der Welle. »Wenn Frauen sich schon jung daran gewöhnen, daß was auf dem Kopf getragen wird«, hofft Branchen-Sprecher Fred Meijer von der »Arbeitsgemeinschaft Hut«, »dann bleiben sie eher bei der Stange.«
Die Hamburger Hutmacherin Elke Martensen beobachtet bei ihren Kundinnen eine ähnliche Entwicklung wie seinerzeit beim Minirock: »Da preschten auch die Jungen voran, und plötzlich kappten alle die Säume.« Frau Martensen, sie seit zehn Jahren Hüte für Jil Sander entwirft und jahrelang nur noch auf Bestellung für Mode-Redaktionen, Photographen und zu Modeschauen fabriziert hatte, verkauft in ihrem Salon in Hamburg-Harvestehude die von Hand gezogenen Luxus-Modelle nun wieder flott zu Preisen zwischen 300 und 500 Mark. In diesem Sommer gelten ihre Herrenstrohhüte im Panama-Look als Erkennungszeichen für die Carringtons aus Pinneberg und von der Elbchaussee.
In Münchner Hut-Kreisen ist Stephen Jones, der Hutmacher der Princess of Wales, derzeit der heiße Tip. Seit Januar hat Jones-Importeur Hartmut Rathmayer in seiner Schwabinger Boutique »Daisy« 103 Kreationen des königlichen Putzmachers unter die Bussi-Schickeria gebracht. Besonders beliebt sind naturfarbene Stroh-Canotiers zu Preisen um 380 Mark - je nach Garnitur.
Auf einem schwarz-rosa Bibi mit Ballettschuhen (880 Mark), einem Mini-Zylinder »Lola Montez« und dem Schleier-Gesteck »Sue Ellen« ist Rathmayer vorerst noch sitzengeblieben. Da gehöre eben »Mut zur Travestie dazu«, räumt er ein. Zur Persönlichkeitsentwicklung einer Frau hält er den Hut freilich für unentbehrlich. »Mit keinem anderen Kleidungsstück«, philosophiert er, »kann sie ihre Individualität so zum Ausdruck bringen.«
Angesichts steigender Hut-Umsätze steht fest: Die Frauen arbeiten an sich. Doch auf den Boulevards macht sich der Hut noch rar. »Eine Hemmschwelle gibt es da schon noch«, sinniert Wolfgang Gray von der Heidelberger Firma »Adolf Accessoires«, die von ihrem Filz-Modell »Kaffeebohne« pro Saison Tausende von Exemplaren auf den Markt bringt. »Viele Hut-Käuferinnen verläßt wohl erstmal der Mut, wenn sie die Neuerwerbung ausführen sollen.«