Mutters Einziger
Wolfgang Ebert: »Das Porzellan war so nervös«. Nymphenburger; 360 Seiten; 26 Mark.
Wolfgang Ebert, 52, der Satiren-Ebert, hat mal etwas anderes versucht: eine Mischung aus Gedenkbuch und Beschwerde, Erinnerungen an die Mutter, die ihn fürchterlich verwöhnt und unterdrückt hat. Auch in diesem für ihn neuen Fach ist er sofort erste Klasse. Er zwirbelt seinen durchaus heiklen Lebensstoff kein bißchen hoch, bleibt ein rücksichtsvoller und gewandter Unterhalter. Er gibt nicht an, am wenigsten, obwohl das naheläge, mit der eigenen Sensibilität.
»Wie oft habe ich damals gewünscht, ich wäre tot. Oder sie.« Die eifersüchtige und gewalttätige Mutter schläft nie ein, ehe ihr einziges Kind nach Hause kommt, sie lauert noch dem beinahe Dreißigjährigen mit angst- und wutverzerrter Miene auf. Andererseits ist Mutter Sonja eine durchaus imponierende Natur, die -- eine Jüdin unter Hitler, wenn auch in »privilegierter Ehe« -- Mann und Sohn entschlossen durch den Zweiten Weltkrieg steuert und dazu noch scharenweise Gleich- und nicht so Gleichgesinnte ansaugt, unterbringt, ernährt und aufheitert. Sie stammt aus Rußland, Gäste gehen vor.
Daß Ebert alle Widersprüche stehn läßt, wie sie sind, kommt nicht nur seinem Mutterbild zugute, sondern auch dem Hintergrund. Wenn ein SS-Führer dem Juden nebenan freundlich geholfen, eine Jüdin eine andere denunziert hat -- Ebert weiß es noch. Er zieht gewiß auch aus Pointensinn die seltsamen Verquickungen den klareren Konstellationen vor, aber sein Zeitbild wird so unheimlicher, wirklicher als manches andere.