Mythischer Eber - DER SPIEGEL
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LITERATUR Mythischer Eber

• aus DER SPIEGEL 33/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch diesen Fernsehauftritt wird Sol Memel hinter sich bringen. Wieder einmal wird man ihn fragen, was sein legendäres Kriegsgedicht »Die Keilerjagd« denn nun bedeutet. Es hat ihn berühmt gemacht, als Sprachmagier, als Holocaust-Überlebenden, als Stimme jüdischen Leidens. In keinem Lesebuch fehlt das Meisterwerk; ein Film über »Die Keilerjagd« ist in Arbeit.

Gerade der Erfolg aber stürzt Sol Memel in Zweifel. Wenn er schildert, wie er den Nazi-Gräueln entkam, wie er in Nordgriechenland mit den Partisanen kämpfte, bis er dem gefürchteten deutschen Oberst Heinrich Eberhardt entgegentrat, beginnt der Starpoet innerlich zu zittern: Ist sein Ruhm nicht auf Schuld und Lügen gebaut? Warum wohl hat Jakob, damals im Ghetto sein Rivale um die Liebe der Widerstandskämpferin Ruth, das Gedicht in einem Kommentar unerbittlich seziert?

Enorm dicht und hoch poetisch erzählt Lawrence Norfolk, seit seinem Welterfolg »Lemprière''s Wörterbuch« als Meister mythisch-vertrackter Historien bekannt, diese Geschichte. Vieles im Lebensmosaik des Sol Memel erinnert an das Schicksal von Paul Celan und sein bekanntestes Gedicht »Todesfuge«. Doch ein Schlüsselroman ist Norfolks neues Buch nicht. So glaubhaft die Monate im besetzten Czernowitz werden und die Verzweiflung, die Celan 1970 zum Selbstmord trieb: Im Mittelpunkt des Buches steht jenes alte Mysterium, von dem sich auch Memels »Keilerjagd« inspirieren ließ - die Sage von der Jägerin Atalante, die mit dem Griechenhelden Meleagros den gewaltigen kalydonischen Eber erlegt haben soll. In einem Gebirgskessel geschah das, in einer finsteren Höhle; seit Homer haben viele den urtümlichen, bitteren Kampf immer wieder anders geschildert. Darum stellt Norfolk der Memel-Geschichte ein großartig schattenhaftdüsteres Kapitel über Atalante voran, eine Erzählung, die sich mühsam aus wuchernden Überlieferungs-Fußnoten herausarbeitet und endlich doch wieder in ihnen versinkt. Wie Sol Memel: Auch er kann dem Dickicht der Vergangenheit nicht entrinnen.

Lawrence Norfolk: »In Gestalt eines Ebers«. Aus dem Englischenvon Melanie Walz. Albrecht Knaus Verlag, München; 352 Seiten; 48Mark.

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