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MUSIK / PIANISTEN Nach dir

• aus DER SPIEGEL 12/1967
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Die Musik war von Haydn, der Text extemporiert. »Oh, wollte Gerald nur weiterspielen«, sangen Victoria de los Angeles, Elisabeth Schwärzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau. Sie wehklagten zum Ruhm ihres Mannes arm Klavier.

Denn Gerald Moore, 67, der »Prinz«, »König«, »Toscanini« aller Begleiter spielt nicht mehr weiter. In der Londoner Royal Festival Hall gab er jetzt seinen Abschiedsabend. Er begleitete seine drei Lieblingsstars zum allerletzten Mal.

Moore, der rundliche, rotbäckige Pianist, bei London geboren, in Kanada aufgewachsen, hat in mehr als fünfzig« Jahren seiner Konzertsaalkarriere mit vielen der größten Musiker zusammengearbeitet -- mit Elena Gerhardt, Lotte Lehmann, Elisabet Schumann, Kathleen Ferner, mit Schaljapin, John Mc-Cormack, Yehudi Menuhin, Pablo Casals und immer wieder mit Fischer-Dieskau und Hermann Prey.

Obwohl er immer nur als zweiter Mann aufs Podium trat, hatte er allemal eine hohe Meinung von seiner Kunst. »Als ich ein junger Mann war«, so erinnerte er sich, »wollten die Sänger nur eine Art Löschblatt, das ihre Wünsche aufsaugte. Ich halte jedoch nichts von zaghaften Begleitern. Auf den Begleiter fällt die halbe Verantwortung, wenn auch nicht die halbe Gage.« Und er bekannte: »Es gibt für mich nichts Schöneres, als zusammen mit einem guten Sänger die »Winterreise' zu interpretieren. Selbst wenn ich über die Virtuosität eines Artur Rubinstein verfügte, würde ich immer noch lieber Begleiter bleiben.«

An Virtuosität ließ es der britische Spezialist für Hugo-Wolf-, Brahms- und Schubert-Lieder dennoch nie mangeln. Moore, lobte Freund Fischer-Dieskau, habe »die so schattenhafte Rolle des Klavierbegleiters zum Range eines gleichwertigen Partners erhoben«. Als ebenbürtiger Partner war er denn auch überall begehrt, in Australien, Amerika und der Sowjet-Union, auf den Festivals von Salzburg und Granada. An Ruhm und Popularität, soviel ist sicher, kann es Moore mit jedem Klavier- oder Geigensolisten aufnehmen. Dietrich Fischer-Dieskau zumindest ist »überzeugt, daß es einen dermaßen beliebten Liedbegleiter und Kammermusiker vorher nie gegeben hat und so bald nicht mehr geben wird«.

Nun jedoch ist der englische Liederspezialist Gerald Moore, Autor »Freimütiger Bekenntnisse eines Begleiters« und einer Autobiographie ("Bin ich zu laut?"), den Strapazen seines Pianistendaseins nicht mehr gewachsen. Er will künftig nur noch als Lehrer, Vortragsreisender und Schallplattenkünstler wirken.

Als Moore in der Royal Festival -- flau seinen letzten Liederabend absolviert hatte, erhoben sich -- seltene Hommage -- dreitausend Zuhörer und applaudierten im Stehen. Fischer-Dieskau ließ ihm beim Abgang den Vortritt: »Diesmal, Gerald, nach dir.« --

Nach der anschließenden Sektparty brachte Moore ("Ich weiß nicht recht, ist das nun eine Hochzeit oder eine Beerdigung?") mit Ehefrau Enid seine Begleiterkarriere vollends zum Abschluß: Beide sammelten sämtliche Blumensträuße in dem mit Blumen überladenen Hotelzimmer ein und warfen sie ungeniert in die Badewanne.

Moore: »Dieser Abschnitt meines Lebens ist jetzt vorüber.«

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