Nachkrieg in New York City
Spike Lee hat fast sein ganzes Leben in New York verbracht, am 11. September 2001 aber war er in Los Angeles. Es flogen keine Flugzeuge zurück nach New York zu seiner Frau und seinen Kindern. Er ist mit dem Zug gefahren. 72 Stunden lang, einmal umsteigen in Chicago. Am Nachmittag des 14. September kam er in New York an.
»Diese Fahrt war erstaunlich«, sagt Lee anderthalb Jahre später. »Die Leute im Zug waren so sanft, traurig, ungewiss. Ich habe so was nie zuvor erlebt.«
Er hat einen Film gemacht, der dieser Zugfahrt vielleicht ähnelt. Er heißt »25 Stunden« und spielt in einem neuen, getroffenen New York. Sein Held Monty, den Edward Norton darstellt, hat einen Tag, um sich aus seinem alten Leben als Drogendealer zu verabschieden. Dann muss er für sieben Jahre ins Gefängnis. Er läuft mit seinem Hund Doyle, den er einst blutend auf der Straße fand, durch New York, ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt.
Er trifft noch einmal seinen Vater und seine Freundin Naturelle (Rosario Dawson), die ihn vielleicht an die Polizei verkauft hat. Die letzte Nacht verbringt er mit seinen beiden Jugendfreunden Elinsky (Philip Seymour Hoffman) und Slaughtery (Barry Pepper). Slaughtery ist inzwischen ein Wall-
Street-Broker, Elinsky unterrichtet an einer Privatschule in Manhattan. Am Anfang der Nacht haben sie sich nicht viel zu sagen; am Morgen glaubt man, sie müssen alle drei in den Knast. Es ist ein Film über Freundschaft, über das Älterwerden und über New York.
Es gibt keine Türme mehr, und das vergisst man nie.
Slaughtery, der Broker, wohnt in einem Apartment, aus dessen großen Fenstern er mit einem Bier in der Hand in die Baugrube des Ground Zero schauen kann, es gibt US-Fahnen, Osama-Bin-Laden-Poster und einen Schrein für elf gestorbene Feuerwehrleute aus Staten Island. Ganz am Anfang des Films bohren sich die Lichtsäulen zum Gedenken der gefallenen Türme zu schwermütiger Musik in den Nachthimmel Manhattans. Aber »25 Stunden« hat nichts Bush-haftes. Es geht nicht darum zurückzuschlagen. Es geht darum, nicht umzufallen. »Die Luft dort unten ist perfekt in Ordnung«, sagt Slaughtery beim Blick in den Ground Zero, obwohl er ahnt, dass es nicht stimmt. »Ich würde hier nicht mal wegziehen, wenn Bin Laden das Nachbarhaus in die Luft jagen würde.«
Es ist Spike Lees erster Film nach dem Angriff, und er zeigt die freigelegte Seele der Stadt, die Angst und die Ratlosigkeit ihrer Bewohner. Lee ist der bekannteste schwarze Filmemacher Amerikas. Bislang war er nicht für Ratlosigkeit bekannt. New York geht es inzwischen besser, und vielleicht weiß er auch schon wieder weiter.
Spike Lee sitzt auf einem kleinen Stuhl in einem Büro in einer 23. Etage irgendwo an der Madison Avenue. Er trägt ein schwarzes Kapuzenshirt, weite Hosen, Turnschuhe. Der Besucherstuhl ist so hoch, als hätte gerade Shaquille O''Neal darauf gesessen. Die Besucherbeine baumeln in der Luft wie die eines Kindes, und Spike Lee scheint das zu gefallen. Er gilt als schwierig, spätestens jetzt fällt einem das wieder ein.
Hat er den ersten New Yorker Nachkriegsfilm gedreht?
»Ach, wir haben das nicht gemacht, um ein Rennen zu gewinnen. Es war keine große Sache. Ich wusste, dass es sehr schmerzhaft ist für die, die jemanden verloren haben. Aber wir wollten den Geist der Stadt einfangen«, sagt Lee. »Das ging nur so.«
In einer Szene schaut Monty in den Klospiegel einer irischen Kneipe, auf dem »Fuck you« steht, und verflucht alle Bewohner New Yorks. Die Schwulen aus Chelsea; die Brüder aus Harlem, die fünf Schritte für jedes Dribbling beim Basketball brauchen; die pakistanischen Taxifahrer, die man nie versteht; die alten Damen aus der Upper East Side mit ihren furchtbar gelifteten Gesichtern. Muslime, Juden, Italiener, Schwarze. Er verflucht die ganze beschissene Stadt. Fuck you, New York!
Der Filmkritiker David Denby vom »New Yorker« schrieb, dies sei eine Liebeserklärung.
Stimmt das?
»Oh, David Denby hat nach meinem Film ''Do the Right Thing'' geschrieben, ich würde die Menschen im ganzen Land zum Aufruhr ermutigen. Da liegt er diesmal richtiger, glaube ich. Natürlich ist es eine Hassliebe, die ich New York gegenüber empfinde. Es ist die beste Stadt der Welt, aber es ist hart, hier zu leben. Und natürlich habe auch ich manchmal diese Gedanken, die Monty beim Blick in den Klospiegel hat. Bin ich deswegen ein Rassist? Ich glaube nicht. Wenn ich in einem Taxi mit einem dieser pakistanischen Fahrer sitze, und es stinkt da drin, geht mir das auf die Nerven, ich mache das Fenster runter, aber das macht mich nicht zum Rassisten.«
Lee ist mit seiner Familie von Atlanta nach New York gezogen, als er ein Jahr alt war, sie wohnten immer in Brooklyn. Erst in Crown Heights, wo sich später Juden und Schwarze Straßenschlachten lieferten, dann in Cobble Hill, wo die Lees die einzige schwarze Familie in einer italoamerikanischen Gegend waren. Spike Lee glaubt, dass sie nur angenommen wurden, weil sie allein kamen. Niemand musste Angst vor ihnen haben. Viele von Lees Freunden sind Italiener. Später zog er nach Fort Greene, wo es die schönsten Brownstone-Häuser New Yorks gibt, wie er sagt. Er baute sich ein dreistöckiges Feuerwehrhaus aus, von dem aus er auf Manhattan sehen konnte, und hatte keinen Grund, jemals von hier wegzuziehen.
Aber er zog weg. Er zog ausgerechnet in die Upper East Side, Manhattans hochnäsigste Gegend. Seine Kinder besuchen Privatschulen, obwohl er noch vor ein paar Jahren in einem Interview erklärt hatte, Privatschulen verbögen Menschen. Niemals würde er seine Kinder dorthin schicken.
»Ich wäre nie aus Brooklyn weggegangen. Meine Frau wollte in die Upper East Side. Sie wollte, dass unsere Kinder auf diese Schulen gehen. Sehen Sie, ich bin verheiratet. Meine Frau entscheidet diese Dinge. Ich habe nichts mehr zu sagen«, sagt Lee auf seinem kleinen Stuhl und lacht ein bisschen verlegen. Er sagt schnell, dass Brooklyn aber immer noch der Bezirk sei, in dem er sich am besten auskenne, der Bezirk, den er am meisten liebe.
»25 Stunden«, der Mitte Mai in Deutschland anläuft, ist in allen fünf New Yorker Stadtbezirken gefilmt worden, spielt aber die meiste Zeit in Manhattan, dem Ort, an dem Monty lebt und heute auch Spike Lee. Womöglich ist es das, was dem Film gut tut. Lee hat sein Hausrecht aufgegeben und seine Rechthaberei, aber nicht seine Seele.
Wie in »Do the Right Thing« gibt es 24 Stunden im Leben der Stadt zu besichtigen, aber diesmal brennen keine Häuser. Die Helden trinken Champagner und sind weiß. Die Ängste sind vergleichbar.
»Es geht immer nur um Angst in dieser Stadt«, sagt Lee. »Seit wir in Brooklyn angekommen sind, geht es immer nur um Angst.«
Monty hat ein Poster von Paul Newmans Gefängnisfilm »Cool Hand Luke« an der Wand seines Apartments. Er fürchtet, dass er wie Luke in der gnadenlosen, unbekannten Knastwelt verglühen wird. Er hat Angst, er ist noch viel verletzbarer als Luke. Edward Nortons Gesicht ist weicher als das von Paul Newman. Er tarnt sein fliehendes Kinn mit einem Bärtchen.
Lee wollte diesen Film mit Edward Norton machen. Er war nicht seine erste Wahl, er war die einzige, sagt er. Er wollte Philip Seymour Hoffman und auch Barry Pepper. Er hat Anna Paquin besetzt, die vor Jahren als Kind einen Oscar für ihre Rolle in »Das Piano« gewann. Für seine früheren Filme hat er unter anderem Halle Berry und Queen Latifah entdeckt, diesmal hat er eine wichtige Rolle mit einem ehemaligen Profi der National Football League (NFL) aus Baltimore besetzt. Tony Siragusa spielt Montys ukrainischen Mafiafreund Kostya.
Edward Norton sagt, er wollte seit langem einen Film mit Spike Lee machen. Norton hat 500 000 Dollar in das Projekt gesteckt. Er hätte auch mitgemacht, ohne das Drehbuch zu kennen. Norton bewundert Spike Lee für seine Kunst, hat aber auch den Eindruck, dass er »unter dem Woody-Allen-Syndrom« leide. »Die Leute sagen ,Oh, ein neuer Spike-Lee-Film'' und zollen ihm wenig Beachtung.« Der Disney-Werbespruch »Ein New-York-Film eines New Yorker Filmemachers für New York« klingt wie eine lokalpatriotische Mahnung.
»Disney wollte einen Oscar-Film von mir haben. Ich sollte den Film machen, mit dem sie sich sehen lassen können. Etwas zum Vorzeigen«, sagt Lee kühl. Sie können sich mit »25 Stunden« sehen lassen, aber ob sie in der nächsten Woche dabei sind, wenn die Oscar-Kandidaten bekannt gegeben werden, ist fraglich. Lees Verhältnis zur berühmten Academy ist getrübt. Er hat sich vor Jahren bitter beklagt, dass »Do the Right Thing« keine Oscar-Nominierung als bester Film bekam.
»Das ist lange her. Ich war vor allem sauer, dass ,Driving Miss Daisy'' in jenem Jahr bester Film wurde«, sagt er.
Spike Lee hat sein Leben lang dafür gekämpft, dass Schwarze Anerkennung im Filmbusiness bekommen. Vor und hinter der Kamera. Er hat Whoopi Goldberg vorgeworfen, dass sie blaue Kontaktlinsen trägt, und Cuba Gooding Jr., ,,dass er einen Salto schlug wie ein Zirkusclown«, als er einen Oscar gewann. Er hat nie verstanden, wie Ving Rhames seinen Golden Globe an Jack Lemmon verschenken konnte, obwohl er den gar nicht kannte.
Aber vielleicht hat Lee am Ende doch gewonnen. Im vergangenen Jahr haben Halle Berry und Denzel Washington, mit denen er drehte, Oscars gewonnen. Und Sidney Poitier dazu.
Hat ihn das gefreut?
»Es hat mich für Halle, Denzel und Sidney Poitier gefreut. Aber Denzel hätte einen Oscar für ,The Hurricane'' bekommen müssen oder für ,Malcolm X''.«
Der Kampf ist nicht vorbei. »Ich mache Filme über New York. So wie Sidney Lumet, Woody Allen oder Martin Scorsese. Wir haben alle verschiedene Perspektiven. Und das ist doch wunderbar. Die Energie reicht für uns alle. Hier leben so viele Leute verschiedener Rassen und Religionen nebeneinander, übereinander, es gibt nichts Vergleichbares.«
Spike Lee liebt New York und weiß, dass nichts gut ist in New York. »Nach dem 11. September sind hier Leute zusammengeschlagen worden, die nur so aussahen, als kämen sie aus dem Nahen Osten.« Es werden immer die falschen Schlüsse gezogen, und richtige Helden gibt es sowieso nicht. Er hat den Film trotzdem den Feuerwehrleuten der Rescue 5 gewidmet und ihre Witwen zur Premiere eingeladen. Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.
Am letzten Morgen verschenkt Monty seinen Hund an seinen ratlosen Freund Elinsky, der sich in eine seiner Schülerinnen verliebt hat. Slaughtery schlägt seinem Freund Monty das Gesicht kaputt, damit er nicht zu glatt in den Knast geht. Naturelle hat Monty nie verraten. Und sein alter Vater fährt ihn, wohin er will. In den Knast oder in ein anderes Leben.
Man kann unterschiedlich auf einen Schlag reagieren. »25 Stunden« zeigt, dass man auch in diesen schweren Tagen New York lieben kann. Und sogar Amerika.
* Links: Edward Norton; rechts: Anna Paquin, Philip SeymourHoffman, Edward Norton, Rosario Dawson, Barry Pepper.