MEDIZIN Nackte Botschaft
Epilepsie, lautete die Diagnose, als der 15 Jahre alte Junge mit krampfartigen Zuckungen eingeliefert wurde. Im Alltagsbetrieb der Neurologischen Universitätsklinik Zürich schien er ein Fall von vielen.
Silberne Drähte, die in sein Gehirn versenkt wurden, sollten die Krankheit genauer abklären: mit Hilfe sogenannter Stereotaktischer Elektro-Enzephalographie (SEEG), einer besonderen Form der Aufzeichnung von Hirnströmen.
Weltweit werden solche SEEG-Elektroden zur Diagnose von Gehirndefekten angesetzt. Unerwünschte Nebenwirkungen bleiben dabei in der Regel aus. Diesmal aber gab es sie -- in Form einer Metamorphose, die einem Horrorfilm hätte entstammen können.
Zwei Jahre nach dem Eingriff war aus dem Jungen ein altersschwacher Greis geworden. Das Zittern hatte sich verschlimmert. Gleichgewichtsstörungen, Doppelsichtigkeit, Schwindelgefühle und Gedächtnisstörungen hatten sich eingestellt. Hinzu kam das Unvermögen, Arme und Beine zu bewegen. Am 3. Dezember letzten Jahres starb der senile Jugendliche -- 17jährig.
Bei der Autopsie fanden die Züricher Ärzte in den unteren Hirnschichten des Toten die Ursache der unheimlichen Veränderung deformierte Zellen, wie sie nur bei einem raren Leiden registriert werden: bei der »Jakob/Creutzfeldschen Pseudosklerose«, benannt nach zwei Hamburger Gehirnforschern, die die Krankheit in den 20er Jahren erstmals beschrieben hatten.
Nur knapp 300 »Creutzfeld«-Erkrankungen sind seitdem in der medizinischen Literatur verzeichnet worden. Doch erst Ende der sechziger Jahre kam der Verdacht auf, eine neuentdeckte, seltene Art von Viren könne als Auslöser in Frage kommen.
Jetzt, nach der Aufklärung von vier zunächst mysteriös anmutenden Krankheitsfällen, gilt die These von den seltenen Viren als gesichert. In allen vier Fällen, so stellte sich heraus, waren die Erreger von jeweils einem »Creutzfeld«-Patienten auf den nächsten übertragen worden:
* in zwei Fällen (der eine 1974 in New York, der andere kürzlich in Westeuropa) im Zuge einer Augenhornhaut-Überpflanzung -- Spender und Empfänger starben, laut Autopsiebefund, an der »Jakob-Creutzfeld«-Krankheit;
* in Zürich vermittels zweier Hirn-Elektroden -- sie waren nacheinander zunächst einer 69jährigen Frau, dann einer 23jährigen Epilepsie-Patientin und schließlich dem 15jährigen Jungen eingepflanzt worden. Alle drei Patienten zeigten typische »Creutzfeld«-Symptome -- die Hirnsonden hatten, obwohl nach allen medizinischen Regeln keimfrei gemacht, offenbar die gefährlichen Viren transportiert.
Unter den Gehirnexperten haben die Erkrankungen und ihre Folgen Besorgnis ausgelöst. »Schrecklich, auch wenn meine Arbeiten bestätigt werden«, so empfindet es die Londoner Neurophysiologin Dr. Elizabeth Beck, die -- als Stipendiatin am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung -- erstmals den Verdacht geäußert hatte, Viren seien für das todbringende Leiden verantwortlich.
Konsequenzen hält ihr ehemaliger Chef, Professor Wilhelm Krücke, für angezeigt: »Vor allem dürfen Patienten mit Anzeichen für senile Demenz nicht mehr als Organspender in Frage kommen.«
Ein Praktiker, der Hamburger Gehirnchirurg Professor Dieter Müller, früher selber im Fach Virologie tätig, empfiehlt »Vorsichtsmaßnahmen«. Die Viren könnten »beispielsweise auch bei Nierenoperationen übertragen werden
womöglich wäre dann das OP-Personal gefährdet«.
Bislang galt die neue Viren-Klasse nur bei einem mörderischen Leiden namens »Kuru« als gesichert, das der Amerikaner Daniel C. Gajdusek auf Neuguinea untersuchte -- bei Kannibalen vom Stamm der Fore.
Die Fore frönten einem Ritual, bei dem menschliche Gehirne aufgegessen wurden -- als Zeichen des Respekts für tote Anverwandte.
In der Regel neun Monate nach der Gehirnspeise, so hatte Gajdusek beobachtet, fingen die Esser an zu zittern: Sie verloren die Kontrolle über ihre Muskeln und konnten nicht mehr sprechen -- statt dessen mußten sie lachen bis zu ihrem Tod. Mitte der sechziger Jahre hatte der lachende Tod den Stamm bis auf wenige Dutzend Überlebende dezimiert.
»Slow Viruses«, langsame Viren, nannte sie Gajdusek -- wegen ihres schleichenden Angriffsstils. Zwölf und vierzehn Monate dauerte die Inkubationszeit bei Schimpansen, denen der Wissenschaftler virusverseuchte Gehirnzellen von Kannibalen injizierte. Ein dritter Affe erkrankte erst acht Jahre nach der Infektion.
Doch erst in Frankfurt wurde offenbar, daß langsame Viren auch als Erreger des »Jakob-Creutzfeld«-Leidens in Betracht kamen -- nach einem Vergleich von Kuru-Proben mit Gehirnzellen von Menschen, die an dem rätselhaften Gehirndefekt gestorben waren.
»Sonst anatomisch variabel«, so erinnert sich Professor Krücke, »waren einige genau identisch«. Dasselbe Bild -- krankhafte Zellplasma-Veränderungen und anomal vergrößerte Astrozyten ("Spinnenzellen") -- bot sich, als die britische Forscherin Elizabeth Beck Gehirnzellen von Gajdusek-Schimpansen untersuchte.
Beklemmend mutet die Struktur der Killerviren an -- sie transportieren, so hat es den Anschein. nur eine böse, nackte Botschaft. Im Gegensatz etwa zu Grippe- oder Kinderlähmungsviren erzeugen sie kein Fieber. Und weder bei den Kuru-Toten noch im Blut von »Creutzfeld«-Kranken wurden Antikörper registriert, die das menschliche Immunsystem normalerweise gegen solche Invasoren ins Feld schickt.
Daraus schließen die Virologen, daß den Gebilden die sonst übliche Eiweißhülle fehlt. »Sie kommen »underground"«, so mutmaßt Professor Krücke. Das erklärt, weshalb die todbringenden Erreger bislang auch unter dem stärksten Elektronen-Mikroskop nicht gesichtet worden sind. Einmal in den Organismus eingeschleust, so eine Theorie, nehmen sie die Gestalt eines Zellmembran-Partikels an. Krücke: »Dann wären sie unsichtbar.
Die beiden Züricher Fälle demonstrieren nun, daß die Killerviren auch außerhalb des Organismus existieren können. Vorschriftsmäßig waren die Silber-Elektroden zuerst in eine Benzin-Lösung getaucht, mit Alkohol behandelt und dann mit Formaldehyd-Dampf sterilisiert worden.
Doch diese rigorose Prozedur vermochte sie nicht abzutöten. Bei der 23 Jahre alten Schweizerin, der die beiden Drähte am 21. November 1974 eingepflanzt worden waren, zeigten sich mutmaßliche »Creutzfeld«-Symptome im Sommer 1976. Der Zustand der Patientin, die im September letzten Jahres noch per Kaiserschnitt ein (offenbar gesundes) Kind zur Welt brachte, hat sich seither verschlechtert.
Am National Institute of Neurological and Communicative Disorders and Stroke, dem Arbeitsplatz des letztjährigen Medizin-Nobelpreisträgers Gajdusek, werden die Züricher Elektroden nunmehr untersucht.
Gajdusek hat die Drähte Schimpansen ins Gehirn gepflanzt -- wie bei den Kuru-Tests soll es sich zeigen, ob die langsamen Viren aus der Schweiz von den Sonden auf Tiere übertragbar sind.
Vor 1978 ist mit einem Ergebnis jedoch nicht zu rechnen. Gajdusek-Stellvertreter Dr. Clarence Gibbs: »Wir sind ein besonderer Verein -- bei uns dauert ein Experiment Jahre.«