»Nächstes Jahr nackert in d'Oper« - DER SPIEGEL
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»Nächstes Jahr nackert in d'Oper«

Peter Brügge über den Münchner Streit zwischen Katholiken und den Nackten
• aus DER SPIEGEL 34/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Plötzlich in diesem Sommer brachen überall in München Nackte aus der Deckung. Unbehindert unterwanderten sie das Olympia-Gelände und die schönsten Plätze an der Isar. Die Stadtverwaltung dachte ihnen an einem Baggersee ein abgegrenztes Stück Ufer zu, aber da war der See von ihnen schon rundum besetzt. Tausende verbrachten die Hundstage entblößt und angeregt wenige Hundert Meter Luftlinie vom Sitz der Regierung und des Kardinal Erzbischofs entfernt an den Ufern des Eisbachs im Englischen Garten.

Ihre Vorposten dringen bereits weiter ins Zentrum ein. Sie planschen im Stachus-Brunnen oder tragen beim Einkauf ihrer Lebensmittel nichts. Unterm Monopteros durfte ich nach Ämterschluß bereits einen Beamten der nahen Ministerialbürokratie nackt begrüßen. Er stützte sich auf seine Aktentasche, beobachtete schmusende Schülerinnen und Arbeitslose und behielt zum Zeichen, daß er nur kurz zu verweilen gedenke, wenigstens Schuhe und Socken an.

Angesichts dieser unvergleichlich hosenlosen Zustände in der Landeshauptstadt prophezeite ein aufgebrachter Voyeur: »Nächstes Jahr gehn's nackert in d'Oper.« Selbst der für kulturelle Fragen angestellte Zweite christsoziale Bürgermeister Winfried Zehetmeier gibt ja zu: »Heute steht leider schon vielfach der verschämte Bekleidete dem unverschämten Nackten gegenüber.«

Doch was tut die Polizei? Sie, die früher selbst einsamen Blitzern nachsetzte, hat keinen Appetit auf einen lachhaften Großeinsatz für Kleiderordnung und Bademoral. Drum hat der Katholikenrat München dem Oberbürgermeister von der CSU in einem Offenen Brief gedroht, eventuell bis nächsten Sommer die »schweigende Bürgermehrheit« in Bewegung zu setzen.

Der Katholikenrat setzt voraus, daß diese auch fürderhin angezogen bleiben und ihre Parkwege von Mitbürgern säubern wolle, die am ganzen Leibe barfuß sind. »Eine nackte Unkultur« sei das 1981, eine »nackte Geschmacklosigkeit«, und am Ende müsse man womöglich noch »Reservate für die Anständigen erkämpfen«.

Die dadurch hochgeschraubte Erwartung, wenigstens der Katholikenrat verfüge über moralische Maßstäbe für so etwas und könne sie erklären, wurde letzte Woche in einer Bürgerdiskussion am Eisbach enttäuscht. Vor circa 2000 Interessenten, die einem Aufruf der Münchner »Abendzeitung« dorthin spontan und bekleidet gefolgt waren, nahm Richter Ermin Brießmann, der Vorsitzende des Katholikenrates der Erzdiözese, seine Zuflucht zum Gleichnis: Einer, der Trompete blase, müsse ja ebenso auf die Rücksicht nehmen, die das nicht gern hören, mit dem Ausziehen sei das nicht anders. »Mann«, juchzte da ein Betroffener, »Nacktsein, das macht doch kein' Krach.«

Der Katholikensprecher schwitzte etwas und sagte, seine Vorstellungen von dem, was nicht sein dürfe, wären »sehr von ästhetischen Empfindungen geprägt«. Wichtig sei, wie nahe ein Nackter ihm oder seinen Glaubensbrüdern komme. Was ihm zu schaffen mache, seien diese »schlendernden Penisse«.

In dem nicht unbedingt moralischen Empfinden, wonach bei dieser nackten Subversion das tiefer Verletzende aus Männerhosen zum Vorschein komme, fand Richter Brießmann sich bestärkt durch Frauen. Durch ersichtlich fromme ebenso wie durch solche, die eher Gleichberechtigung meinten. Letztere fanden es ärgerlich, wie Männer das kaum erst erstrittene »oben ohne« der Frauen mit einem rigorosen »unten ohne« S.151 beantworteten. Der aus Neugier in den Englischen Garten geeilte CSU-Innenminister Gerold Tandler schloß sich dem Frauenwort an: »So heiß kann's doch net sein, daß Sie die Badehose auch noch ausziehen müssen.«

Es handelt sich da jedoch angeblich weniger um eine Frage der Belüftung als der Befreiung. Um leiblich Freiheit zu erfahren, verlangt es Unbekleidete oft gerade nach dem katholischerseits verpönten aufrechten Gang.

»Nackt kommen wir in diese Welt, nackt gehen wir von dannen«, unterstützte ein heiserer alter Sonnenfreund diese hautpolitischen Ideale. Ein begeistertes Mädchen hielt bloß den freien Busen ans Mikrophon. Der ist ihr stärkstes Argument. Um Ärgernis zu nehmen, müssen aber selbst Katholiken heute mehr zu sehen bekommen.

Eine treue Kirchgängerin schilderte den kleinen Schock, welchen sie jüngst in diesem Park bei der Suche nach einer »seichten Wasserstelle« für ihren Schoßhund erlitten hatte: »Da waren plötzlich nackte Leiber, das war einfach zuviel, wie Gewürm.« Und auch diese sanfte Dame redete eigentlich bloß den Männern ins Gewissen: »Ein Textilfleckchen macht sich doch gut bei Ihnen da unten.« Eine eigenmächtige Bilderreihe zum Thema Vergewaltigung läuft offenbar in vielen Passanten ab, wenn ihnen ein Mann ohne Hose begegnet. »Ich muß mir das anschaun«, rief eine 63jährige Hausfrau, »und weiß, was hinterher kommt.«

Statt einer erklärlichen Moral kamen erklärliche Ängste heraus: Phallisches ist tabu, sowie es über den Maßstab der Putti an den Altären hinauswächst. Wenn »Bild« entblößten Männern aus dem Englischen Garten unterhalb des Nabels einen schwarzen Balken aufdruckte, aber die Mädchen naturbeließ, so kam dies den Duldungsgrenzen des Kirchenrates nahe.

Das geringste Ärgernis gibt ein Nackter, der liegt, und zwar möglichst auf dem Bauch. Mit dem Aufstehen wachsen die Probleme. Die Provokation setzt ein, sobald der Nackte sich auf den Wegen der Angezogenen ungeniert bewegt. Aber einige sind ja sogar darüber noch hinausgegangen, haben zu bekleideten Betrachtern gesagt: »Zieh dich aus oder schleich dich!« Denen widmete ein Leitartikler der »Abendzeitung« den Satz: »Auch Nacktsein verpflichtet.«

Derlei gehe zu weit, fand auch Hanns-Jürgen Freiherr von Crailsheim, der den staatlichen Gärten in Bayern vorsteht. »Nackte Militanz« ist so was in seinen Augen und vom Exhibitionismus nicht weit entfernt. »Auf die Finger klopfen« müsse man künftig diesen nackten Elementen.

Ferner wurde die Schädigung des deutschen Ansehens beklagt. Zahlreiche prächtig gekleidete Afrikaner und Orientalen promenierten wahrhaftig da hin und her, wo am Eisbach die schönsten Nackten liegen. Sie arbeiten ersichtlich an ihrem Deutschenbild. Einige haben selber bis auf einen Lendenschurz abgelegt und verkaufen den nackten Deutschen Melonenstücke.

Am schwersten, sagten die Männer vom Katholikenrat, sei all das aber wieder einmal für Eltern mit Heranwachsenden. »Was sollen wir den Kindern beibringen?«, fragte einer dieser armen Väter die johlende Lobby der Entblößung. »Die bringt man doch von dene Nackerten gar nimmer weg, die fragen doch, Papi, was ist denn das?«

Einzig eine Oma stand da zu ihm. Die hatte erlebt, wie Enkelkinder unversehens auf ein fadenloses Paar stießen. Und was hatten die Kinder gesagt? »Oma, da liegen ein Mann und eine Frau, die sind so arm, daß sie sich nicht einmal einen Badeanzug kaufen können.« Das fand die alte Frau zum Weinen. Denn solche Armut greift mit jedem heißen Tag um sich.

Peter Brügge
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