Nasser Nachbar - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 86

Mars Nasser Nachbar

Regen und Wind, Flußtaler und Dünen, Schluchten und Vulkane -- ähnelt der Mars doch der Erde? Jedenfalls, sagen die Wissenschaftler, gab oder gibt es dort, was Leben möglich macht: Wasser.
• aus DER SPIEGEL 27/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erde und Mars, so meinten die Himmelsforscher früher, das sei, als vergleiche man zwei Photos in einem Familienalbum: die junge, quicklebendige Frau und deren kosmische Urgroßmutter.

Nun, nach Auswertung von annähernd 7000 TV-Photos, die von der Marssonde Mariner 9 gefunkt wurden, denken die Wissenschaftler anders.

Der Nachbarplanet, so erklärte Harold Masursky, Leiter der Mars-Forschungsgruppe am Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, Kalifornien, sei gleichsam eine eigenständige Persönlichkeit -- und er sei so abgetakelt nicht. Masursky: »Mars ist ein aktiver Planet; er mag Milliarden Jahre alt sein, aber er ist geologisch noch sehr jung.«

Mehr als zehn Meter lang war das Mosaik aus zusammengeklebten Mars-Photos, das Masursky und seine Mitarbeiter vorletzte Woche in Pasadena vorführten. 85 Prozent der Mars-Oberfläche haben die Fernaugen der Mariner-Sonde erfaßt und zur Erde übermittelt. Und die verblüffendste Erkenntnis war, daß es auf dem Mars wolkenbruchartige Regenfälle, unzählige Rinnsale und reißende Wasserströme gegeben haben muß.

Geologisch lassen sich auf dem erdnächsten Planeten nunmehr vier deutlich unterschiedene Regionen ausmachen:

* Eine (erloschene) vulkanische Provinz mit dem größten Vulkan Nix Olympica, dessen Kraterregion doppelt so groß ist wie die Vulkaninsel Hawaii;

* eine Plateau-Region am Mars-Äquator, gekennzeichnet durch tiefe Risse und Canyons (einer davon ist zehnmal so lang und dreimal so tief wie der irdische Grand Canyon), die auf Bewegungen der Mars-Kruste in der jüngeren Geschichte des Planeten hindeuten;

* eine mondähnliche Kraterlandschaft, die fast die Hälfte des Planeten bedeckt und auf der die Mars-Stürme riesige Sanddünen formen; > eine vierte Region mit stufenförmigen Terrassen und Furchen, die strahlenförmig von der Südpol-Kappe ausgehen und auf einstige Gletscherbewegungen schließen lassen. Diese Schürfspuren, mutmaßlich von Eismassen geformt, brachten die Mars-Forscher zu der Annahme, daß jedenfalls die Südpol-Kappe des Planeten nicht nur aus Trockeneis -- gefrorenem Kohlendioxid -, sondern zumindest teilweise aus gefrorenem Wasser besteht. Wasserdampf wurde auch in einigen der weißen Flaumwölkchen an den Gipfeln der Mars-Vulkane ausgemacht.

Aber vor allem die unzähligen mäandrisch gewundenen, mitunter sogar Delta-förmigen Einschnitte, die auf vielen Mariner- Photos gesichtet wurden und von Lavaströmen nicht herrühren können, legten den Schluß nahe, »daß Wasser eine entscheidende Rolle in der Evolution des Planeten gespielt hat« so die Verlautbarung der Wissenschaftler in Pasadena.

Zwei Hypothesen werden angeboten, die den Wassereinbruch auf dem Mars erklären könnten:

* Gelegentliche Schwankungen der Mars-Achse könnten die Pol-Kappen des Planeten periodisch -- etwa in einem Zyklus von 50000 Jahren -- der Sonne zugewandt und erwärmt haben.

* Eiszeiten und wärmere Perioden könnten, gesteuert durch vulkanische Hitze im Inneren des Planeten, einander abgelöst und das im Mars-Boden gefangene Wasser mal zum Gefrieren, mal zum Schmelzen gebracht haben.

Die Frage, ob Formen von Leben auf dem Mars möglich waren oder sind, ist nach diesem unerwarteten Ergebnis der Photo-Safari wieder offen. Sie zu beantworten, wollen die Amerikaner 1976, die Sowjets vielleicht schon im nächsten Jahr erstmals Robotfahrzeuge auf dem Mars landen lassen.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 86

Mehr lesen über