VERLAGE Naumanns Altlast
Kaum ist Michael Naumann, 57, offiziell Staatsminister für Kultur- und Medienpolitik, da kommt ans Licht, was er in einer früheren Lebensphase versäumt hat. Es geht um einen Roman, in dem der US-Autor Jay Parini das tragische Ende des Denkers Walter Benjamin schildert, der sich auf der Flucht vor NS-Verfolgung im spanischen Port Bou das Leben nahm. Als der Münchner Albrecht Knaus Verlag 1996 die Rechte an »Benjamin's Crossing« erwarb, nahm er an, für die US-Originalversion sei geklärt worden, zu welchen Konditionen Textpassagen aus Benjamins Büchern im Roman vorkommen dürften. Doch die vermeintliche Routine-Anfrage beim Frankfurter Suhrkamp Verlag, wo das Gesamtwerk des großen Essayisten erscheint, brachte vergangenen Dezember eine böse Überraschung: Parinis Verlag Henry Holt - damals geleitet von »Mike« Naumann - hatte nie nach Benjamin-Rechten gefragt. »Das konnten wir nicht ahnen«, erklärt Knaus-Programmleiter Karl Heinz Bittel betrübt. Wohl bis April muß er »Dunkle Passagen«, die deutsche Fassung des Parini-Buches, nun stornieren. Denn für Übernahmen aus Benjamin ist nicht Suhrkamp selbst, sondern eine Nachlaßverwaltung zuständig, »deren Reaktion und Entscheidung wir abwarten müssen« (Suhrkamp). Und das kann dauern. Der zähe Nachlaßwart Rolf Tiedemann läßt sich sogar von seinem Hausverlag jede Benjamin-Zeile zur Genehmigung vorlegen - und ist zur Zeit wegen Krankheit unansprechbar.