FERNSEHEN Netter Eindruck
Von elektronischen Techniken lassen junge Fernsehregisseure sich gern in eine »künstliche Welt« entführen, sie verdanken den Hilfen vom Trickpult eine »neue Freiheit der Phantasie«. Aber die Elektronik kann nicht nur Illusionen auf den Bildschirm gaukeln, sondern auch Wirklichkeit anschaulich machen.
Das beweist jetzt der Bremer Autor Jam Brede ("Interview mit der Geschichte"), der erstmals elektronische Verfahren konsequent für eine Dokumentarsendung nutzt: für sein Porträt des Lebensmittelhändlers Erich Kaschner, 49, aus Uelzen.
Die Sendung, Debüt einer Reihe, die im Vierwochenturnus deutsche Bürger-Typen vorstellen soll (nächstes Modell: ein Bauunternehmer), ist nach Bredes Auskunft »kein Film mehr, denn die Filmbilder liefern der Elektronik nur noch das Rohmaterial«.
Die Elektronik treibt mit Kaufmann Kaschner, den Brede unter 80 begutachteten Einzelhändlern als »typisch für seinen Berufsstand« ausgesucht hat, bisweilen verwegene Spiele. So wird in eine Filmsequenz -- der Krämer spielt in seiner Wohnküche Akkordeon -- ein zweiter Kaschner eingestanzt, der seine Hausmusik kommentiert.
Den von ihm selbst erzählten Lebenslauf illustrieren geschickt montierte Familienphotos« Interviews mit Kunden, Angestellten und Verwandten. Und wenn dem Porträtierten eine Aussage mißfällt, wird die Sendung unterbrochen, damit er seine Version beisteuern kann.
Doch Kaschner hat wenig Anlaß zu Korrekturen; denn über ihn wird vorwiegend Gutes berichtet. »Sein Äußeres«, erinnert sich der einstige Lehrherr« »kam bei den kleinen Mädchen und der Kundschaft gut an.« Schon immer machte er selbst auf die Schwiegermutter »so »n netten Eindruck«, und heute schildern ihn die Nachbarn als tierliebend, freundlich, gutmütig, hilfsbereit und fußballbegeistert.
Tatsächlich bleibt Erich Kaschner, so der Autor Brede, »auch in den für ihn heiklen Momenten sympathisch; der Durchschnittsbürger vor dem Fernseher kann sich mit ihm identifizieren«.
Heikle Momente freilich gibt es genug -- etwa dann, wenn Kaschner im Rückblick auf die ihm »unvergeßlichen« Kriegsjahre in Rußland lediglich bedauert, »daß es nicht zu besonderen Auszeichnungen und Beförderungen kam«, oder wenn er von seiner »alten Heimat« Schlesien spricht.
Dort war Kaschner inzwischen einmal als Tourist, aber für die Dauer möchte er nicht zurück. Denn obgleich »man mit der Bevölkerung, die jetzt da vorhanden ist« durchaus sprechen kann«, ist die Heimat eben doch nicht »nach deutschem Geschmack wiederaufgebaut worden«.
Nach diesem Geschmack regiert Kaschner seine Angestellten, zieht er seine Kinder auf. »Autoritär? Ja, das bin ich.« Er neigt politisch »weniger zur SPD« als zu den Vertriebenenverbänden, hält sexuelle Aufklärung für überflüssig ("Wir mußten auch selbst auf alles kommen und unsere Erfahrungen machen") und hat für die Jugend »manchmal kein Verständnis«. Denn: »Die Jungen sollten sich doch nach den Älteren richten -- so war es auch früher.«
Früher, als die Nazis herrschten, ist das Weltbild des Einzelhändlers Kaschner geprägt worden. Das beweist er 45 Minuten lang in aller Unbefangenheit. Und »wenn die Zuschauer den Kaufmann von der Ecke so reden hören«, hofft TV-Mann Brede, »dann gibt es bei manchem vielleicht doch einen heilsamen Schock«.
Dem Schock hilft Brede mit seinen elektronischen Tricks kräftig nach: Eine »Untergangsmontage« aus Wochenschauaufnahmen detonierender Bomben und berstender Häuser läßt er von elektronisch einkopierten Flammen bezüngeln. Daneben, zwischen zimmerhohen Konservenregalen, erscheint der Kaufmann im weißen Kittel. Und während ein Schriftzug fragt: »Schöne Erinnerungen an die Soldatenzeit?«, gibt Kaschner freundlich zur Antwort: »Das war wirklich sehr romantisch.«