RAUMFAHRT Neue Spitze
Roboter kratzten Planeten an, Sonden maßen Partikelströme, Kameras übermittelten Photos von Jupiter-Monden und Saturn-Ringen - in zwei Jahrzehnten Raumfahrt wuchs das Wissen der Himmelsforscher mehr, als es selbst kühne Science-fiction-Hirne sich hatten ausmalen können.
Doch mit dem Forschungsvorstoß ins Weltall ist es nun erst einmal vorbei. Im Zuge von Budget-Kürzungen durch die neue US-Regierung muß die Raumfahrtbehörde Nasa praktisch ihr gesamtes unbemanntes Raumfahrtprogramm einstellen. Sonden, die schon auf dem Weg zum Planeten Uranus sind, werden womöglich abgeschaltet. Der Plan, einen Späh-Roboter auf dem Jupiter zu landen, wurde gestrichen, desgleichen die vorgesehene Inspektion des Halleyschen Kometen durch eine automatische Raumsonde.
Weitgehend unberührt von den Etat-Kürzungen bleibt einzig das Projekt, das ins rüstungspolitische Konzept der Reagan-Administration paßt: der wiederverwendbare Raumtransporter »Space Shuttle«.
Am Mittwoch dieser Woche, um 7.30 Uhr Ortszeit, soll die Raumfähre »Columbia« von der Startrampe 39 A am Cape Canaveral zu ihrem zweiten Testflug starten. Verläuft alles nach Plan, werden die Shuttle-Astronauten, Kommandant Joe H. Engle und Pilot Richard H. Truly, die »Columbia« 124 Stunden, zehn Minuten und 24 Sekunden später auf dem ausgetrockneten Rogers Lake der Edwards Air Force Base in der kalifornischen Mohave-Wüste wieder landen.
Für den 9. Oktober dieses Jahres war der zweite »Columbia«-Start ursprünglich geplant worden. Doch beim Auffüllen der Tanks, aus denen die 14 Steuerdüsen am Shuttle-Bug gespeist werden, hatte ein Ventil geklemmt. Flüssiges Stickstoff-Tetroxid war über die Nase geschwappt und hatte den Spezialkleber zerfressen, mit dem die hitzebeständigen Siliziumfliesen auf der Aluminiumhaut befestigt sind. Insgesamt 379 Kacheln mußten ausgetauscht oder neu angeklebt werden. Mehrarbeit und Start-Verzögerung kosteten die Nasa 26 Millionen Dollar.
Der Testflug soll zeigen, daß der 56 Tonnen schwere Raumgleiter tatsächlich wiederverwendbar und mithin als Arbeitspferd der Weltraumfahrt geeignet ist. Die mitgeführten Spezialinstrumente sind vor allem darauf abgestimmt, das Verhalten der Fähre bei Start, Flug und Landung zu testen. Die insgesamt 15 Tonnen Nutzlast sollen darüber hinaus die wissenschaftliche und industrielle Verwendbarkeit der Raumfähre erweisen.
Unterdes scheinen die Tage der Nasa als einer rein zivilen Weltraum-Organisation gezählt. Dafür sprechen nicht nur die Kürzungen des Nasa-Etats um 367 Millionen Dollar im laufenden Finanzjahr und jeweils eine Milliarde Dollar für die beiden folgenden Jahre, sondern auch personelle Umbesetzungen in der Nasa-Spitze.
Am Montag kommender Woche, zur gleichen Zeit, da die »Columbia« in der kalifornischen Wüste landet, wird James A. Abrahamson, Generalmajor der US Air Force, als neuer Entwicklungschef des Shuttle-Programms antreten.
Abrahamson, ehemals Astronautenkandidat für das von der Air Force in den sechziger Jahren geplante bemannte Raumlabor »Mol« (Manned Orbiting Laboratory) und Projekt-Offizier des militärischen Satellitenprogramms »Vela« (zum Aufspüren von Atombombenexplosionen in der Atmosphäre oder im Weltraum), sei »hervorragend als Entwicklungschef des Shuttle-Programms geeignet«, begrüßte Nasa-Chef James Beggs die Ernennung des Generals. Abrahamson stelle sicher, rühmte auch das rüstungsfreundliche Magazin »Aviation Week«, daß »schon in der frühen Testflugphase« die »zivile und militärische Verwendbarkeit« der Raumfähre koordiniert würden.
Damit hat sich das US-Verteidigungsministerium eine Schlüsselstellung in der Nasa-Hierarchie gesichert. Schon von den bislang insgesamt rund acht Milliarden Dollar Entwicklungskosten für die Shuttle hatte das Pentagon mehr als ein Drittel zugeschossen. Eine halbe Milliarde Dollar sind im diesjährigen Pentagon-Etat militärische Raumfahrtprojekte (Gesamthöhe: zehn Milliarden Dollar) für Erprobung und Entwicklung der Raumfähre ausgewiesen.
Das Verteidigungsministerium freilich war auch erheblich an den Termin- und Kostenüberschreitungen beim Shuttle-Programm beteiligt, die der Nasa jetzt angelastet werden. Auf Wunsch der Militärs wurde beispielsweise die Nutzlastkapazität von elf auf 30 Tonnen erhöht. Die entsprechenden Konstruktionsänderungen gingen ebenso ins Geld wie die Erfüllung der Air-Force-Forderung, die Manövrierfähigkeit der Raumfähre müsse gesteigert werden. Schon nach nur S.249 einer Erdumrundung soll nun die Shuttle am Startplatz wieder landen können. Vorgesehener Heimathafen für militärische Shuttle-Flüge ist die Air-Force-Basis in Vandenberg nordwestlich von Los Angeles.
Der Shuttle-Bahnhof Vandenberg wird nicht vor 1986 betriebsbereit sein. Überdies hat die Nasa feststellen müssen, daß die Techniker mit der ursprünglich auf nur zwei Wochen veranschlagten Zeit zum Wieder-startklar-Machen von Raumfähre und Startrampe nicht auskommen. Bestehen bleibt jedoch die Verpflichtung, nach Abschluß der Testphase stets jeweils zwei von vier Raumfähren für die Zwecke der Air Force bereitzuhalten.
So kommt die Nasa nun mit dem Shuttle-Programm ins Gedränge, und dies um so mehr, als eine Reihe privater Firmen jetzt erstmals verstärktes Interesse an der Nutzung der Raumfähre zeigt.
Gemeinsam mit dem Luft- und Raumfahrtkonzern MacDonnell Douglas etwa will das Pharma-Unternehmen Ortho Pharmaceutical, eine Tochterfirma des Konzerns für Krankenhausbedarf Johnson & Johnson, automatische Kleinfabriken entwickeln, die in der Schwerelosigkeit des Alls Interferon, künstliches Insulin und hochreine Spezialimpfstoffe herstellen sollen.
Sollte der für das nächste Jahr geplante Test an Bord der Raumfähre erfolgreich verlaufen, will die Pharmafirma von 1987 an bis zu 20 dieser 1600 Kilogramm schweren Automaten im All plazieren. Viermal pro Jahr müßten die Robot-Fabriken angeflogen, mit neuen Rohstoffen gefüttert und die eingesammelten fertigen Produkte zur Erde gebracht werden.
Ähnliche Projekte haben die Entwicklungsabteilungen in wenigstens einem halben Dutzend weiterer US-Firmen ausgetüftelt.
Der Traktorfabrikant Deere & Company etwa will in der Schwerelosigkeit hochwertige, besonders strukturreine Stahl-Legierungen herstellen. Auf der Erde müßten dafür aufwendige Verfahren entwickelt werden. Die Werkstatt im Weltraum, erläuterte Dr. Norman Lillybeck, Direktor der Materialforschung bei Deere, »würde unserer Firma drei bis fünf Jahre kostspieliger Forschung ersparen«.
Ob die Nasa den amerikanischen und auch europäischen Interessenten ausreichend Experimentier-, Fracht- und Werkraum in der Raumfähre wird reservieren können, steht allerdings vorerst dahin.
Nasa-Chef Beggs, der eigentlich für die Ausnutzung der Raumfähre immer neue Kunden anwerben sollte, damit wenigstens teilweise die Entwicklungskosten wieder hereinkämen, rät, ganz gegen seine Rolle, zur Vorsicht und zum Abwarten: »Für neue Initiativen« sei die Zeit »im Augenblick nicht gerade günstig«.