Nicht vom Fleck - DER SPIEGEL
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Bücher Nicht vom Fleck

Dieter Kühn: »Ausflüge im Fesselballon«. Suhrkamp; 196 Seiten; 14 Mark.
• aus DER SPIEGEL 49/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ware der Darstellung des Dürener Autors Kühn, 36, zu trauen, so bestände die Tätigkeit eines Realschullehrers im Prinzip darin, ein Heft von einem Heftstapel links zu nehmen, es mit roten Korrekturen zu versehen und auf einem Heftstapel rechts abzulegen: »Heft auf Heft, auf Heft . hundert Meter Hefte in zehn Jahren.

Der Realschullehrer Wolfgang Braemer in Kühns Roman ist also ein frustrierter Realschullehrer. Doch der Erzähler will zeigen, daß solche Frustration nicht das Ergebnis gerade dieses Berufes ist, sondern daß jeder andere Beruf zu dem gleichen Ergebnis geführt hätte.

Lehrer Braemer gehört wie sein Autor zu jener Generation, die den letzten Krieg oder wenigstens doch sein Ende noch gerade eben bewußt miterlebte und für die das Leben mit der Angst vor dem plötzlichen Einbruch der Zerstörung in das scheinbar Sichere zum nie überwundenen Kindheitstrauma, der Zufall zum bestimmenden Faktor in ihrem Lebens- und Geschichtsverständnis geworden ist.

Kühn macht sich mit seinem Buch dafür stark, daß sein Protagonist bloß zufällig das wurde, was er wurde, und ebenso zufällig nicht das, was er ebensogut hätte werden können: Archivar. Redakteur, Public-Relations-Mann, Austauschdozent in den USA.

Diese Berufsmöglichkeiten werden im Roman für Braemer als ebensolche Realitäten durchgespielt wie seine Lehrer-Realität. Doch es läuft alles auf das gleiche hinaus: Es sind jeweils »Ausflüge im Fesselballon« -- man schwebt zwar, kommt aber nicht vom Fleck.

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