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KINO Nichts geht mehr, außer Liebe

Mit dem Film »Punch-Drunk Love« ist dem Regisseur Paul Thomas Anderson ein skurril-anrührendes und scharfsichtiges Porträt der US-Gesellschaft gelungen. Von Tom Tykwer
• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tykwer, 37, ist Filmemacher ("Der Krieger und die Kaiserin"); er lebt in Berlin. -------------------------------------------------------------------

Irgendwo, nirgendwo in Los Angeles. Ein einsamer Mann. Er hat Angst. Er steht unter Druck. Er ist früh wach. Man sieht ihn an Tischen sitzen. Im Hof stehen. Auf der leeren Straße. Überall ist Platz. Gebrüll. Gestank. Lastwagen. Supermärkte. Und da gibt es diese Frau, die etwas von ihm will. Er denkt: Das kann nicht sein. Keine Frau will wirklich bei mir sein. Doch sie meint es ernst. Und als andere ihn reinlegen wollen, wehrt er sich, weil die Frau ihn stark macht.

Der Mann erinnert sich nicht an seine Träume und kaum an sich selbst. Und doch kennt er Sehnsucht, Furcht, Hass; und er will Liebe, Musik, Farbe. Und die Frau.

Der Mann heißt Barry Egan. Er ist Amerikaner, lebt im San Fernando Valley, ist Mitte 30 und betreibt eine Firma, die Gegenstände wie bruchsichere Kaugummispender an Hotels liefert. Sie stapeln sich in seinem Lagerraum, einem grauen Betonbau, verziert mit einer einzigen Farbe, Blau, wie Barrys Anzug. Die Firma generiert ein bisschen Geld, aber keinerlei Sinn. Barry sitzt in der nackten Halle und wartet darauf, dass etwas passiert.

Und dann passiert es. Wenn man so will, das Übliche: Liebe, Gefahr, Gangster, Romantik, Spannung, Happy End. Wir sind schließlich im Kino.

Der Versuch einer Story: Einsam schlägt sich Barry (Adam Sandler) durch jenen Kräfte zehrenden Zeitabschnitt, der sich »erwachsenes Leben« nennt. Während seiner kargen Tage hat er kein Empfinden für die Zeit. Sie vergeht bloß. Die Nächte auch: Licht aus, Licht an. Manchmal ruft er irgendwo an und wird mit Frauenstimmen verbunden, die wissen wollen, ob er nackt auf dem Bett liegt.

Barrys Leben findet nicht wirklich statt; es kommt einfach nur vor.

Dann tappt er in die Falle einer Bande, die Telefonsex-Kunden ausraubt. Und am nächsten Tag taucht Lena (Emily Watson) auf und versucht, sich mit ihm zu verabreden. Das ist, nach vielen Jahren eines ereignislosen Lebens, zu viel auf einmal.

Barry, der sich zuvor weder in der Liebe noch in der Unterwelt auskannte, sieht, wie sich diese zwei Geschichten - die kriminelle und die amouröse - aufeinander zubewegen und kollidieren. Aber anders als erwartet ist dies Barrys Chance: Er erwacht aus seiner zittrigen Lähmung. Entschlossen und überraschend furchtlos sorgt er dafür, dass ihn die Betrüger in Ruhe lassen, und entscheidet sich ganz für die Liebe.

In groben Zügen ist das die narrative Substanz dieses Films. Aber, um es gleich klarzustellen, »Punch-Drunk Love«, der neue Film des 33-jährigen US-Filmemachers Paul Thomas Anderson* ("Boogie Nights«, »Magnolia"), erzählt sie nicht wirklich, die Geschichte. Vielmehr legt er ihr laufend Steine in den Weg. Was das Zuschauen aber noch aufregender macht.

Der Film wirkt wie ein nervöser Spürhund auf der Suche nach Momenten außerhalb des Plots: Augenblicken, in denen der Mensch Barry Egan, den der Film zu erfassen sucht, von innen sichtbar wird.

Zum Beispiel wenn Barry seine Familie (sieben Schwestern mit Anhang) besucht und dieses rituelle Ereignis als eine nicht abreißende Kette von Stress-Momenten erlebt. Eine Horde lachender, feixender Kalifornier, die ungetrübt ihr antrainiertes Selbstbewusstsein vor sich her tragen (oder nur imitieren). Der Druck, mit dem jeder von ihnen an der Erfüllung seiner Rolle arbeitet, entlädt sich bei Barry gewaltsam: etwa wenn er vor versammelter Familie Fensterscheiben zertrümmert.

Wenn Barry weint, weiß er nicht, warum. Es bricht aus ihm hervor - und hat zugleich den Anschein, als geschähe es auf Befehl oder als hätte er es sich ausgedacht. Man muss, wie so oft in diesem Film, unwillkürlich lachen, über den Aberwitz der Situation, über die rührende Vehemenz, mit der Sandler ihr Ernsthaftigkeit abringt.

Weint Barry nun, weil er tatsächlich verzweifelt ist oder weil er weiß, dass man weint, wenn man sich so fühlt wie er? Ist es ein Impuls oder eine Idee? Hat er noch direkten Zugang zu seinen Gefühlsschwankungen, stehen sie in Kontakt zu seinem Bewusstsein?

Die Leistung des Films besteht darin, aus diesen mikroskopischen sozialen Miniaturen viel weiter reichende Schlüsse zu

ziehen: Barry ist Amerikaner, lebt also in einem System, das unentwegt sein eigenes Abbild zu reproduzieren sucht und wenig Raum lässt für individuelle Markierungen:

Davon handelt »Punch-Drunk Love«, ein Film, der wie eine zärtliche, ulkige, harmlose Komödie daherkommt, aber ein dunkles, trauriges, wütendes Herz hat: Er erzählt von einem Land, das seinen Bürgern uniforme Denk- und Verhaltensmuster aufzwingt und ihnen auf diese Weise ihre emotionale und analytische Verbindung zu sich selbst abschnürt; das sie so unter Druck setzt, dass sie entweder zerbrechen oder sich ergeben.

Michael Moores soeben mit dem Oscar ausgezeichneter Dokumentarfilm »Bowling for Columbine« zeichnet ein Bild der USA, in dem das Prinzip »Angst« sowohl in den Medien als auch im konkreten politischen Alltagsgeschäft dem Einzelnen gegenüber gezielt eingesetzt wird, um ihn von kritischen, kontroversen, dialektischen Denkweisen fern zu halten.

In Anlehnung an Aldous Huxley entsteht so das Porträt eines sozialen Entwurfs, in dem das Querdenken ghettoisiert und langfristig abgeschaltet werden soll. Während gegen andere fundamentalistische Staatensysteme polemisiert wird, so Moores Beobachtung, prosperiert im eigenen Land eine (je nach Bedarf) ebenso subtile wie brachiale Mainstream-Maschine, angetrieben vom Motor Angst.

Moores zugespitzte Beschreibung der Vernetzung zwischen Medien und Staat, Industrie und Politik, die ein feinmaschiges Netz aus Einschüchterungsfaktoren über den Kontinent legt, wirkt wie das kaleidoskopische Gegenstück zu »Punch-Drunk Love«. Andersons Film bietet an Stelle von Moores gesellschaftsanalytischem Rundumschlag das Psychogramm eines Vereinzelten, der wie ein Fisch im Netz des Systems zappelt - und doch schließlich eine Masche aufzureißen vermag. Indem er sich verliebt - und geliebt wird.

Nichts geht mehr, außer der Liebe.

»Punch-Drunk Love« stellt seinen armen Toren mitten in eine Welt, die keinen Platz für auffällige Regelbrüche lässt. Es ist diese in sich allzu schlüssige Welt, in der man in 50 Bundesstaaten mehr als 500 Fernsehprogramme anschauen kann. Wo Bill Gates, Ted Turner und George Bush den Alltag organisieren. Wo »Individualität« zwar ein Begriff ist, der nationale Identität stiftet, es aber zugleich komplizierter denn je ist, zu erkennen, worin man sich selbst von den anderen unterscheidet.

Die Allgegenwart der Medien, die Gleichschaltung der Denk-, Glaubens- und sogar Esskultur, die erdrückende Last eines auf Implosion angelegten Wirtschaftssystems: All dies wächst sanft und unaufhaltsam und lässt den Einzelnen in der Konformität vereinsamen. Doch Amerika wird zugleich von Menschen bevölkert, die eine tiefe Sehnsucht nach Individualität plagt, Menschen, die ein enormes Interesse daran haben, nicht ferngesteuert, sondern selbst gewählt ihre Kommunikationswege zu finden und ihr Ich in die Heimat einzubetten, statt die Heimat das Ich verspeisen zu lassen.

Sowohl Moore als auch Anderson sind solche Amerikaner - mit Leib und Seele. Sie lieben ihre Heimat, sie schätzen deren Möglichkeiten, sie feiern sogar, bewusst und unbewusst, ihren ästhetischen Duktus. Sie repräsentieren jene Seite des Kontinents, die den Ruck in eine uniformierte Zwangsdemokratie nicht mitmachen wird.

Sie erinnern uns daran, dass die USA - wie kaum ein zweites Land - immer noch viele, vielleicht sogar die meisten führenden Intellektuellen, Künstler, Philosophen und Autoren hervorbringen. Dass die subversive Potenz des Landes geradezu unermesslich ist. Wer sich heute mit New Yorkern oder Kaliforniern über das nationale Selbstwertgefühl unterhält, spürt, wie viel Andersons Film von der inneren Zerrissenheit der Menschen dort zu vermitteln weiß. Und wie sehr die Anspannung, die sein Held in sich birgt, repräsentativ ist.

Wenn es also dieses Jahr einen inhaltlich und gestalterisch ebenso subversiven wie visionären Film gibt, dann »Punch-Drunk Love«.

In seiner furiosen Fusion von Sprache, Bewegung, Geräuschen, Musik, Farbe und Choreografie entfaltet dieser Film einen subjektiven Rausch, der dem Gegenwartskino wieder einmal vorführt, dass noch lange nicht alles ausprobiert wurde und es nur von der kreativen Freiheit der Gestalter abhängt, wann man im filmischen Erzählen an Grenzen stößt.

»Punch-Drunk Love« ist weniger eine Erzählung als vielmehr ein Gedicht; oder ein Tanz; oder eine Melodie; oder vielleicht gar ein Gemälde - ein abstraktes, das sich 24-mal in der Sekunde verändert. Ein Film, der narrativ so schlüssig ist wie ein Bild von Jackson Pollock (und ähnlich emotional mitreißend) - oder wie eins von Jeremy Blake.

So heißt der Künstler, dessen amorphe Farbspiele Andersons Film ab und zu gänzlich auflösen, ihn in einen sich sanft aus den Fugen dehnenden Keilrahmen verwandeln, auf dem zu delirierender Musik Farbe fließt wie in einem nervösen Kollektivtraum von Mark Rothko und Gerhard Richter.

Die Orte, an denen der Film sich aufhält, wirken, als hätte der Fotograf Andreas Gursky sie ausgesucht: gewaltige, hypersymmetrische Supermärkte; karge, lang gezogene Asphaltstrecken; endlose, nackte Gänge in Neubauten. Und trotzdem, auf ganz eigentümliche Weise huldigt der Film diesen Orten, an denen niemand mit der zwar vorhandenen, aber spurlosen Geschichtlichkeit etwas anzufangen weiß.

Schließlich gibt es auch noch eine Menge expressive Emotion in »Punch-Drunk Love«. Denn der Einbruch der Liebe in diese Welt, in diesen organisierten Kokon, das ist wie ein nicht mehr vorgesehener Unfall, eine Entgleisung - und daher geschieht es auch nicht mehr einfach so, sondern wie eine gleichsam erzwungene Beiläufigkeit.

Lena trifft Barry nicht zufällig; sie inszeniert den Zufall, denn anders findet sich

in den von außen festgelegten Grenzen kein ausreichender Freiraum mehr.

Lena, eine wache, entschlossene, geradezu aggressiv zärtliche und wohl auch ein bisschen irre Persönlichkeit, verliebt sich in Barry, weil sie ahnt, dass auch seine Sehnsucht einer quälenden Anspannung gegenüber steht; weil sie beide unter ähnlichem Druck stehen, der durch Einsamkeit steigt und in der Isolation unerträglich wird. Und der sich in liebendem Zusammensein verflüchtigt. In der erstaunlichsten Liebesszene des Films flüstert dieses Paar mit großer Hingabe und Zärtlichkeit folgende Sätze einander zu.

Lena: »Ich möchte in deine Wange beißen und darauf kauen.«

Barry: »Dein Gesicht ist so schön, dass ich es am liebsten zerschmettern möchte.«

Liebe und Wut: derselbe emotionale Stamm. Wer sich dazu bekennt, lebt glücklicher. Schon lange nicht mehr haben wir etwas so Andersartiges im populären Kino gesehen, eine filmische Erfahrung gemacht, die so substanziell abweicht von all den vielen hysterischen, freundlichen, absurden und biederen Bildern, die uns ständig auf die Netzhaut prasseln. »Punch-Drunk Love«, so heißt dieser lächelnde Alptraum, diese zärtliche Bestie von einem Film. Er wird niemanden enttäuschen, der noch auf der Suche ist.

* Der Titel des Films benutzt einen Begriff aus derBoxersprache: »Punch-Drunk« heißt so viel wie angeschlagen, vonHieben gezeichnet.* In seinem Film »Bowling for Columbine«.

Tom Tykwer
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