Nie Komplexe - DER SPIEGEL
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VERLAGE Nie Komplexe

»Wie in der EWG« sollen seine Verlage arbeiten: unabhängig nach innen, geschlossen nach außen. Neu kam jetzt Rowohlt mit 26 Prozent in die Holtzbrinck-Gemeinschaft -- Deutschlands zweitgrößten Buchkonzern.
• aus DER SPIEGEL 23/1971
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Ich bin«, sagt Georg von Holtzbrinck, 62, »an Sachen mit Niveau interessiert, das sieht man ja: Rowohlt, S. Fischer, Droemer, das »Handelsblatt«. Wenn mir eine Beteiligung an einem Massenblatt angeboten würde, da wäre ich zum Beispiel nicht interessiert.«

Der Stuttgarter Buch- und Zeitungsverleger sagt es anläßlich seines jüngsten Beteiligung-Erwerbs -- Holtzbrinck kaufte in der vorvergangenen Woche für geschätzte sechs Millionen Mark einen 26-Prozent-Anteil am Reinbeker Rowohlt-Verlag -, und er sagt es überhaupt zur Erklärung jener erstaunlichen Aktivität, mit der er innerhalb eines Jahrzehnts das nach Bertelsmann (Gesamtumsatz: 700 Millionen Mark) zweitgrößte Buchverlagsreich der Bundesrepublik und einen Multimedia-Konzern mit über 20 Tochterfirmen und jetzt rund 250 Millionen Mark Umsatz im Jahr zusammengetragen hat.

Doch der Konzernflechter hat, was ihn treibt, auch schon einfacher erklärt, ganz ohne »Niveau«. Holtzbrinck 1968: »Wenn man wirtschaftlich die Möglichkeit hat, aktiv zu sein, sollte man es tun.«

Dies hat der Aktivist Holtzbrinck, ein ins Schwäbische verschlagener Klein-Adeliger aus Hagen, bisher getan:

Im Jahr der Währungsreform, 1948, gründete der ehemalige Verlagswerbeleiter den Buchklub »Stuttgarter Hausbücherei«. 1951 erwarb der Protestant Holtzbrinck für 15 000 Mark einen 50-Prozent-Anteil an der Wochenzeitung »Christ und Welt«. 1957 kaufte er vom Düsseldorfer Droste-Verlag den »Deutschen Bücherbund« -- er wuchs zur zweitgrößten deutschen Buchgemeinschaft (nach dem Bertelsmann-Lesering) heran und ist mit (einschließlich einiger Schwester-Klubs) insgesamt 1,2 Millionen Mitgliedern, etwa 100 »Bücherstuben« und 88 Millionen Mark Umsatz die Hauptstütze des Konzerns.

Als die -- zunächst stürmische -- Expansion der Buchgemeinschaften in den sechziger Jahren zu stocken begann, neue Mitglieder kaum noch oder nur zu teuer zu werben waren, expandierte der Buchklub- Unternehmer Holtzbrinck ins Ausland und unter die deutschen Original- Buchverleger.

Denn in dieser ebenfalls von Kosten-Steigerungen und Umsatz-Stagnation bedrückten Branche gelten die potenten Lizenzenkäufer häufig als Retter vor roten Zahlen; Buchklub-Bosse wie Holtzbrinck. die defizitäre Entwicklungen ihrer ständigen Geschäftspartner stets frühzeitig wittern, sind ihrerseits auf die Original-Verlage als Titellieferanten angewiesen -- also kaufen sie.

Neben dem Deutschen Bücherbund gehören heute zum Holtzbrinck-Konzern: die Buch- und Schallplatten-Klubs Deutsche Hausbücherei, Evangelische Buchgemeinde, Coron Verlagsgesellschaft, Bücherbund (Wien), Service Culturel de France (Straßburg), Aeropagus (Amsterdam), Discolibro (Barcelona); die Hanseatische Druckanstalt und die Hanseatische Verlagsanstalt in Hamburg, der 5. Fischer Verlag mit den erst kürzlich zu Fischer-Töchtern reduzierten, einst selbständigen Verlagen Goverts, Steingrüben, Krüger und Stahlberg (Holtzbrinck: »Die waren tief in den roten Zahlen"). Außerdem besitzt der vielseitige Anteil-Nehmer eine 46-Prozent-Beteiligung am Münchner Droemer-Verlag und nun also auch die Sperrminorität bei Rowohlt.

»Das hier, bei Droemer und Fischer, versammelte intellektuelle Potential«. so hofft Holtzbrinck, »wird in der audiovisuellen Zukunft noch mal sehr wichtig werden.« An dieser Zukunft -- »aber an noch keinen konkreten Projekten« -- arbeitet in der Stuttgarter Konzern-Zentrale seit einiger Zeit ein Dr. Dr. Polier, früherer Geschäftsführer der Handelsfirma Eisen-Fuchs des Fürsten Georg von Waldburg zu Zell und Trauchburg. Der Verlagsherr selbst, der »vor allen Dingen auf die Bildplatte« setzt, pflegt im übrigen »gute Verbindungen zur Bavaria« -- der Münchner Fernseh-Produktion.

Holtzbrincks Verlagsimperium ist relativ still gewachsen. »übertriebener äußerer Repräsentanz abgeneigt« (Holtzbrinck über Holtzbrinck), hat sich der mit spröder Jovialität auftretende Verlagsherr -- beileibe kein Original oder brillanter Literaturkenner, sondern eher, wie Bertelsmann Mohn. ein holzsprühendes Temperament -- der Öffentlichkeit bislang weniger eingeprägt als mancher kleinere Büchermacher.

Mit der Expansion im Zeitungsgeschäft jedoch will der Christ und Geldmann Holtzbrinck, der wie ein rechter Rechter »die Begriffe links und rechts für töricht« hält, auf Betreiben seines Generalbevollmächtigten Schoenicke mehr aus der Anonymität hervortreten.

Außer seinem 50-Prozent-Anteil bei der »Deutschen Zeitung / Christ und Welt« besitzt Holtzbrinck heute zusammen mit seinem Sohn Dieter, Miteigner auch des Gesamtkonzerns, die Mehrheit am Düsseldorfer »Handelsblatt« (plus angeschlossenen Wirtschafts-Fachzeitschriften). 1970 wurde er mit 49 Prozent Hauptteilhaber der »Saarbrücker Zeitung«.

Jahrelang hatte Georg von Holtzbrinck -- trinkfester Weinkenner, enthusiastischer Mercedes-Fahrer, gelegentlicher Elsaß-Wanderer und Besitzer einer Villa auf Teneriffa -- seinen Konzern an »sehr langen Zügeln« und mit zu kleinem Management geführt, freilich auch ohne Betriebsrat und mit gelegentlich patriarchalischer Strenge. Die erreichte Konzerngröße erzwang schließlich Änderung: Anfang dieses Jahres faßte er, auf Drängen von Beratern, unter anderem aus der Stuttgarter Commerzbank, sein Firmen- und Beteiligungs-Mosaik unter einer neuen Holding, der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck GmbH, Stuttgart, zusammen; ein ausgebautes Management soll die Zügel in Zukunft kürzer fassen.

Nicht alle Unternehmungen des Firmen- und Anteile-Sammlers sind schließlich auch erfolgreich gewesen. Die von ihm betriebene Fusion von »Christ und Welt« mit dem evangelischen Hamburger »Sonntagsblatt« wurde kürzlich durchkreuzt. Im September 1969 hatte Holtzbrinck mit allerhand euphorischem Brio den. Zusammenschluß seiner Verlagsgruppe mit den Verlagen Droemer und Econ und der »Deutschen Buch-Gemeinschaft« (Darmstadt) verkündet; im April 1970 war die »gegen Bertelsmann gerichtete Aktion« ("Die Welt") bereits geplatzt -- Econ zog sich zurück, die Deutsche Buch-Gemeinschaft gar schloß sich Bertelsmann an.

»Ich hatte gegenüber Bertelsmann nie Komplexe«, so lautet ein älterer Holtzbrinck-Ausspruch.

Auf die Frage, was ihn -- nach langen, zähen Verhandlungen -- zum Anteilskauf bei Rowohlt bewogen habe, wo er laut Vertrag keinen Einfluß auf Geschäftsführung und Programm erhält, antwortete Georg von Holtzbrinck in der letzten Woche: »Rowohlt hätte sich auf jeden Fall mit einem Größeren verbunden. Und da ist es mir schon lieber, er tut das mit uns.«

Rowohlt hatte auch mit Bertelsmann verhandelt.

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