THEATER / SPERR Nie wieder
»Vom Theater«, sagt der Jungdramatiker Martin Sperr, 26, »hab« ich erst mal die Nase voll.«
Sein Verdruß ist verständlich. Drei Jahre lang hat sich Sperr mit einem Schauspiel geplagt, das jetzt in Düsseldorf umstrittene Premiere hatte. Es heißt »Münchner Freiheit« und ist das Schluß-Stück einer »Bayerischen Trilogie«, die im Mai 1966 mit den später auch verfilmten »Jagdszenen aus Niederbayern« begonnen hatte.
Das Erstlingsstück« ein böses Genrebild von dörflicher Moral, war der Kritik als »täppischer Prankenschlag eines einzelgängerischen Urviechs« ("FAZ") erschienen. Kühler, knapper und schärfer schilderte Sperr in seinem zweiten Stück, den »Landshuter Erzählungen«, die »ungeheuerliche Verlogenheit des Kleinstadtmilieus«.
Doch sein Versuch, nun auch die Großstadt mit ihren politischen und wirtschaftlichen Kabalen in einem Volksstück à la Horvath darzustellen, ist gescheitert.
Dabei hatte es sich Sperr wirklich nicht leicht gemacht, seine Trilogie zu vollenden -- ein Projekt, das Karlheinz Braun vom »Verlag der Autoren« angeregt hatte. Erst eine dritte Fassung wurde, vor anderthalb Jahren, als Manuskript gedruckt, doch Braun fand immer noch: »Das ist nicht das letzte Wort.« Danach konzipierte Sperr sein Stück noch einmal neu, faßte es teilweise in Verse und stellte schließlich seine »Neufassung Januar 1971« her, die jetzt in Düsseldorf gezeigt wurde.
Doch Sperr hat einfach zuviel gewollt. Sein Münchner Bilderbogen zeigt expansionslüsterne Wirtschaftsbosse und skrupellose Politiker, korrupte Zeitungsschreiber, demoralisierte Künstler, bombenwerfende Linke und schmuddelige, verhaschte Kommunarden -- eine bizarre Typenschau in klischeehaften Situationen.
Eine Unternehmer-Clique will ein Wohngebiet »sanieren«, um auf dem teuren Boden lukrativere Geschäftshäuser zu bauen. Mögen da auch Studenten protestieren, ein paar Bomben werfen und die Lokaipresse mit Schlagzeilen versorgen: Das Viertel wird abgerissen.
Die Bau-Affäre, der Sanierung des Münchner Stadtteils Lehel nachempfunden, Ist mit Banalitäten bebildert: Der liberale Bierbrauer Ederer ("Die jungen Leute wollen mit uns diskutieren ) wird abgeschoben, verliert auch die Frau an einen stahlharten Karrieristen und verblutet, wie Seneca, mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne. Seine Tochter Manja liebt einen Apo-Häuptling und finanziert eine linke Kommune mit elterlichen Schecks, bis sie sich schließlich »Vater tot. Liebe kaputt« -- mit dem Freund ihrer Mutter verlobt.
Diese unentschlossene Mischung aus Sozialkritik und Kolportage fand beim Publikum der Kapitalisten- und Karnevalisten-Metropole Düsseldorf geteilte Zustimmung: Die wechselnden Anti-Apo- und Anti-Establishment-Sentenzen, die von der ärmlich dekorierten Bühne kamen, wurden, je nachdem, auf teuren oder billigen Plätzen, ausgelassen beklatscht.
Sperr hatte sich schon vor der Premiere gefragt, »ob man überhaupt noch Theater machen kann«. Eins weiß er jedenfalls sicher: »Nie wieder eine Trilogie.«