THEATER Nimm das Geld und renn!
Zu Beginn des Abends stolzierte eine hoch gewachsene Frau auf die Bühne, hob den Rock und ließ sich ächzend auf einer Kloschüssel nieder, wo sie vergeblich versuchte, sich Erleichterung zu verschaffen; gegen Ende des Abends legte eine andere junge Frau in einem professionellen Strip erst ihre Brüste frei und dann ihren Unterleib. Im Übrigen wurde viel von Blut, Sperma und Urin gesprochen, vom Inzest mit der eigenen Schwester und allerlei anderen Ausschweifungen.
Auch verirrte sich einmal die Gesichtsjüngste der Mitspielerinnen, die diesmal nervtötend glotzäugige Kathrin Angerer, mit einem Kollegen in eine Duschkabine. Dort japste sie durchnässt: »Leck mich, stoß mich, leck mich, stoß mich.« Undsoweiter.
Durchaus angemessene Attraktionen also für ein Theaterspektakel, das sich »Das obszöne Werk: Caligula« nennt und versucht, die Welt des eher nüchternen Sinnsuchers Albert Camus mit der des fiebrigen Erotomanen Georges Bataille zu verschmelzen - und doch keineswegs der Stoff, der abgebrühte Theaterzuschauer und Kulturpolitiker in Aufruhr versetzt.
Nein, wirklich obszön und politisch brisant ist an Frank Castorfs jüngster Volksbühnen-Inszenierung nur eine auf den ersten Blick sehr stille Szene. In der wankt der Schauspieler Bernhard Schütz, der ein großes tapsiges Kind ist und ein oft brillanter Komiker, plötzlich mit einem Koffer auf die Bühne.
Bis dahin hat er den mordlüsternen Kaiser Caligula gespielt und einen geilen, übel zu Tode gefolterten falschen Heiligen - und für die wenigen, die dann noch nicht kapiert hatten, dass er hier der Doppelgänger seines Regisseurs Castorf ist, hat er zwischendurch seine Wut aufs Theater herausgebrüllt. Nun also steht Schütz mit einem Koffer da, von dem er behauptet, er enthielte die gesamten Jahressubventionen der Volksbühne (exakt 25,6 Millionen Mark) - und will sich einfach aus dem Staub machen nach dem Motto: Take the money and run!
Für sich genommen ist diese Einlage eine kulturpolitische Sottise: Der Volksbühnen-Intendant Castorf ist immer noch sauer über die Knickrigkeit des Berliner Senats, der ihn finanziell eher knapp hält und den neuen Berliner-Ensemble-Chef Claus Peymann mit vergleichsweise vielen Millionen pampert. Tatsächlich ist die Geldkoffer-Szene aber auch symptomatisch für das ganze Drei-Stunden-Spektakel. Castorf demonstriert einen Abend lang, dass und wie sehr er die Schnauze voll hat - und zeigt lauter Ausbruchs- und Fluchtversuche, ein Dokument des Selbsthasses und des Theater-Ekels.
Überschreitung, die Hoffnung auf Erlösung und das Vordringen zu nie gekannter Freiheit, das sind so die großen Themen, die Castorf angeblich verhandeln möchte in seiner jüngsten Regiearbeit. Doch an Camus' 1938 entstandenem Drama vom römischen Kaiser Caligula, der erst mordet und dann der eigenen Ermordung durch ein paar Verschwörer erwartungsfroh entgegensieht, interessiert Castorf eigentlich nur ein Satz: »Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich.«
Aus Batailles »Obszönem Werk« dagegen widmet er sich vor allem der »Geschichte des Auges« (1928), der Vision einer obsessiven Besudelung durch Urin und Sperma, Blut und Gekröse. Auch da finden sich leitmotivische Sätze wie: »Ich machte mir nichts aus dem, was man 'Fleischeslust' nennt, weil sie in der Tat fade ist. Ich liebte das, was man für 'schmutzig' hält.«
Beide Glaubensbekenntnisse, die Unglücks-Beschwörung und die Ode an den Schmutz, lässt Castorf laut und lustlos deklamieren. Und so ist es bald völlig egal, ob man Camus und Bataille für Brüder im Geiste hält: Schon gut, beide träumten von der Transzendierung des Ich, der eine wollte die Sinnlosigkeit des Daseins mit dem Kopf überwinden (durch die Einsicht in die Absurdität des Lebens), der andere mit dem Schoß (durch ultimative Sudelei).
Aber bei Castorf deutet schon die Bühne an, dass an diesem Abend etwas gegen die Wand gefahren wird. Der Bühnenbildner Hartmut Meyer hat eine rund zehn Meter hohe schwarze Plastikmauer schräg in den Raum gestellt, an deren Fuß lose Fichtenbretter zu einer Art Laufsteg aufgereiht sind. Auf diesen Brettern trampeln die Darsteller gern lärmend herum, ansonsten gehören die blanke Kloschüssel, ein Klavier und ein mitunter durch die Luft schwebendes Riesen-Plastikauge zum Mobiliar: ganz armes Theater also.
Römisches Kaiser-Drama und Anrufung von Eros und Pipi rauschen als oft monotones Palaver so vor sich hin wie eine defekte Klospülung. Leben kommt erst in den Saal, wenn Schütz plötzlich tobsüchtig die Sinnlosigkeit der ganzen Theater-Plackerei beklagt: »Iii, ist ja eklig.« Oder wenn unvermittelt Rauch aus diversen Bühnenlöchern quillt und eine Lightshow aus grünen Laserstrahlen bizarre Wellen und Röhren in die Schwaden zaubert. Ratloser Schwulst, der die Zuschauer darauf verweist, dass auch Camus und Bataille vielleicht nicht so sehr als kühne Denker und wilde Träumer Bewunderung verdienen, sondern als Virtuosen des allerfinstersten Kitsches.
Denn natürlich sind Sätze wie »Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich« und Batailles Schmutz-Mystifikationen heute vor allem das: saurer Pennälerkitsch, für den pubertierende Gymnasiasten eine Zeit lang schwärmen; pathetische, totalitäre Zauberformeln, die man für einen Augenblick für grandios hält und an denen man sich nach einer Weile satt gehört hat wie an einem zu netten Popsong.
Insofern ist es nur folgerichtig, dass Castorf an diesem Abend zweimal ein großes, luftgefülltes Gummi-Ungetüm aus einer Bodenluke schießen lässt: eine rote Riesenzunge, wie man sie als Markenzeichen der Rolling Stones kennt. Ist nicht die Überschreitungssucht der Camus- und Bataille-Helden (und dazu Castorfs schlechte Laune) auf genau diesen öden Popnenner zu bringen - I can't get no satisfaction?
So geriet die »Caligula«-Premiere zu einem müde umbuhten Desaster - und doch wäre es fürchterlich, wenn Castorf wirklich Ernst machte und mit den Volksbühnen-Millionen das Weite suchte. Denn zu seinen Gunsten muss gesagt werden, dass auch sein trübstes Scheitern noch mehr Erkenntnis und sinnliches Vergnügen bietet als die meisten Alltagsarbeiten seiner Konkurrenten. WOLFGANG HÖBEL