KINO Noch 'n Schnaps
Wäre die Filmgeschichte eine Getränkekarte, dann hätte der deutsche Film in den letzten Jahren vor allem aus Spumante, Schampus und Cocktails bestanden. Die Leinwand-Party, die mit diesen Drinks gefeiert wurde, hat Spaß gemacht, aber Spumante verursacht auch einen schlimmen Kater.
Was jetzt, da der Schädel hämmert angesichts der schlappen bis katastrophalen Zuschauerzahlen von aktuellen deutschen Erfolgshoffnungen wie »Liebe Deine Nächste« (315 000), »Kai Rabe gegen die Vatikankiller« (135 000) oder »Feuerreiter« (12 000): Selters statt Sekt? Die Heilsarmee des klassischen Autorenfilms ausschicken, um eine alkoholfreie Phase einzutrommeln? Oder einfach weiterfeiern?
Drei neue, jetzt anlaufende deutsche Filme, »Fette Welt«, »Aprilkinder« und »Bis zum Horizont und weiter«, geben ihre eigene Antwort, und die lautet: Am besten einen ordentlichen Schnaps kippen.
Der Regisseur Jan Schütte ("Auf Wiedersehen Amerika"), 41, hat noch nie Champagner-Filme gedreht. Rauschende Partys finden ohne ihn statt. Die Helden seiner Romanverfilmung »Fette Welt« (frei nach der Vorlage von Helmut Krausser) trinken zwar auch, aber nicht zum Vergnügen. Sie trinken, weil sie Trinker sind.
Der ruppige junge Hagen (Jürgen Vogel) hängt am Flachmann und ist fest davon überzeugt, daß ihm Liebe und Hoffnung für alle Zeiten abhanden gekommen seien. Doch es muß nur eine sture kleine Ausreißerin namens Judith (Julia Filimonow) kommen, die ihm nicht mehr von der Seite weicht - und schon bald ist Hagen verknallt. Bei einer nächtlichen Schwarzfahrt im Zug wird das Pennerpärchen erwischt, und die Polizei verfrachtet Judith zurück zu ihren Eltern. Aber Hagen hat jetzt ein Ziel und darum auch eine Zukunft: Er will Judith wiederfinden. Und findet sich selbst.
Ans große Drama hat der Filmemacher Schütte nie geglaubt, eher an die Wahrhaftigkeit der Details, daran, daß Menschen in unbeobachteten Augenblicken alles über sich und ihre Träume verraten. Darum hat Schütte stets eine geduldige Spurensuche mit der Kamera betrieben, einen Stil des Zuschauens und Zeigens.
In »Fette Welt« aber, dem ersten Film, den er ohne seinen verstorbenen Drehbuchautor Thomas Strittmatter drehen mußte, hat Schütte über dem Zuschauen das Erzählen vergessen. Er verläßt sich auf den Reiz des Obdachlosenmilieus und bildet den Mief der Bahnhofshallen, die Kälte, den Dreck, aber auch die soziale Wärme der Säuferclique einfach ab, statt daraus Geschichten zu schlagen. Dadurch läßt er seine Figuren im Stich: Jürgen Vogel muß Hagens Entwicklung fast ausschließlich aus eigener Kraft glaubhaft machen - eine Last, die kein Darsteller tragen sollte.
Während Hagen aus seiner Lethargie ausbricht, bleibt der Kurde Cem in »Aprilkinder« im Alltagstrott stecken. Cem (Erdal Yildiz), ältester Sohn einer Einwandererfamilie in Hamburg, malocht im Schlachthof, hält zu Hause die Klappe und wehrt sich halbherzig dagegen, mit einer fremden Verwandten verheiratet zu werden. Eines Abends aber geht er auf ein Bier aus - und verliebt sich in die deutsche Hure Kim (Inga Busch). Doch den Bruch mit den Erwartungen der Eltern wagt er nicht.
Ähnlich geduldig wie Schütte, wenn auch filmisch unbeholfener, versucht der in Hamburg lebende Kurde Yüksel Yavuz, 34, in seinem Debüt ein unbeachtetes Stück Deutschland ganz lebensnah auf die Leinwand zu heben. Aber die Welt, die er schildert, dreht sich nur um die eigene Achse. Ein paar Bier mehr, und Cem hätte vielleicht den Mut gefunden, etwas in Gang zu setzen. Dem Film hätte es gutgetan.
Angst vor dem großen Drama läßt sich »Bis zum Horizont und weiter« nicht nachsagen. Die Kidnapping-Geschichte des Ost-Regisseurs Peter Kahane ("Die Architekten"), 49, erzählt von deutsch-deutscher Wirklichkeit, aber nicht dokumentarisch-getragen, sondern mit der ausladenden Geste der Unterhaltung. Stahnke (Dauersachse Wolfgang Stumph), ein Ex-Baggerführer, muß erleben, daß seine Geliebte (Nina Petri) von einer hartherzigen West-Richterin ins Gefängnis geschickt wird. Er beschließt, die Richterin zu entführen.
Natürlich geht einiges schief, und der Amateur-Kidnapper und sein Opfer (Corinna Harfouch) kommen sich dank des selbstgebrauten Holunderschnapses von Stahnkes alter Mutter ziemlich nahe. Auch wenn in »Bis zum Horizont und weiter« vieles nicht hinhaut: Der Film traut sich was. Er packt den Frust, die Liebe und die Träume seiner Figuren und gibt ihnen jene Größe, die sie für die Leinwand brauchen. SUSANNE WEINGARTEN